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Andrea Bender Kalender 2010

Kalender 2010

Andrea Bender

 

Das diesjährige Kalenderprojekt, das jährlich von der Gemeinschaftspraxis Dr. Dabir Dr. Meininghaus, Förderer der cubus kunsthalle, unterstützt wird, ist der Duisburger Künstlerin Andrea Bender gewidmet. Wir freuen uns, den Kalender im Rahmen des Duisburger Kunstmarkts vorstellen und zum Preis von 25 € anbieten zu können. Der Erlös aus dem Kalenderverkauf hilft die Kosten des Kunstmarkts zu decken.

 

So irre und so geistgestört. Der Uhu schreit, der Hirsch, der röhrt.

(Grinsekatze aus Alice im Wunderland)

 

Dass das Jahr 12 Monate hat, bedarf unserer aller Zustimmung. Wir hätten uns auch auf 4 Monate einigen können. Vier Monate, passend zu den Jahreszeiten. Die zwölf Monate sind indes längst zur Realität geworden, und diese anzuzweifeln, ist uns in der realen Welt kaum möglich. Trotzdem sei uns die Frage erlaubt, ob die Realität eine feste Größe darstellt, in die wir uns einfügen, oder ob sich die Realität nach unserer Vorstellung formt? Ist uns kalt, weil es Winter ist, oder ist es Winter, weil uns kalt ist? Sind wir klein, weil alle Anderen so groß sind, oder sind alle die Anderen so groß, weil wir so klein sind? Vielleicht hat ja jeder Mensch, hat jedes Alter seine eigenen Realitäten und Wirklichkeiten. Das Kind, das noch nicht weiß, und der Greis, der schon wieder vergessen hat, alle geben ihre Zustimmung zu dem, was gerade momentan ihre Realität und Wirklichkeit ausmacht und damit zu ihr wird. Realitäten verändern sich, sie kippen beizeiten, und gerade dies macht unser Leben so ambivalent, macht manches so unbegreifbar. Was für den Einen Traum ist für den Anderen Wirklichkeit – und manche Wahrheiten lassen sich, so paradox es sein mag, besser durch Träume beschreiben und begreifen.

Andrea Benders Malereien greifen dieses „Nichtgreifbare“ thematisch auf. Durch ihren Inhalt und ihre Malweise. Letztere ist dadurch gekennzeichnet, dass mehrere Gattungen simultan zusammenfließen: Aquarell, Zeichnung, Malerei. Ihre Malerei besteht in dem Zusammenspiel, pendelt hin und her zwischen den Polen, will weder das Eine noch das Andere sein, ist durch Definitionen nicht eindeutig greifbar. Die Farbe mal fließend, mal pastos, dann lasierend, und dann wieder so dick, dass ein Relief entsteht. Andrea Bender lenkt damit den Blick des Betrachters auf das Wesentliche. Wie ein Regisseur, der seine Figuren auf der Leinwand agieren lässt. Andrea Bender thematisiert das „Nichtgreifbare“ aber ebenfalls durch die Inhalte Ihrer Erzählungen.

Für das Kalenderprojekt wählte sie erstmalig eine vorhandene Geschichte aus, die sie zu den 12+2 Kalenderblättern inspirierte: Alice im Wunderland. Kaum eine andere Geschichte fügt sich thematisch so stringent in die  Bildwelt der Künstlerin ein. Paradoxien und Absurditäten, Skurriles und Sarkastisches, sich verändernde Raum- und Größenrelationen, Gesellschaftskritik und das Hinterfragen ihrer Normen und Gesetze, Realität und Traum, das Kippen von Zuständen und der Balanceakt des Aufrechterhaltens, schlechthin die Ambivalenz des Seins oder Scheins, all diese Themen haben wir bereits im Oeuvre der Künstlerin kennen gelernt, doch nun scheinen sie auf ihre prädestinierte Hauptdarstellerin, ja Protagonistin, zu treffen: Alice. Die Figur Alices muss man nicht mögen, sie ist zwar Heldin der Kalenderblätter, jedoch  keine wirkliche Sympathieträgerin. Ambivalent eben, wie so vieles, dem wir in den eindrucksvollen Kalenderblättern zu Alices Reiseetappen begegnen.

Eng an der Geschichte des aus 12 Kapiteln bestehenden Buches von Lewis Carroll trifft Alice in Benders erstem Kalenderblatt ein weißes, rennendes Kaninchen mit roter Weste, das ständig auf seine Uhr blickt, weil es zu spät dran ist. Sie folgt ihm neugierig. (Januar)

Sie stürzt in den Bau und fällt lange durch ein Loch hinab in eine unterirdische Welt, in der sie durch diverse Getränke und Lebensmittel des öfteren ihre Größe verändert. Bender thematisiert dies u.a. im Aprilbild, wenn Alice ein Haus mit ihrer Körperfülle gänzlich ausfüllt und das Kaninchen in ihrer aus dem Fenster gestreckten Hand hält oder im Februarbild, als Alice droht – auf ein Minimum an Größe geschrumpft – in ihren eigenen Tränen zu ertrinken.

Auf ihrem Weg begegnet Alice den unterschiedlichsten Kreaturen und erlebt manches abstruses Abenteuer, wie eine Tierkonferenz – in Benders Märzbild.

Die dortigen (und die späteren) Gespräche zwischen Alice und den Tieren zeigen typischen Nonsense-Charakter. Die Gesprächspartner befinden sich, von ihrer eigenen Logik ausgehend, auf unterschiedlichen Ebenen, die sie auch nicht mehr verlassen. Eine charakterliche Weiterentwicklung findet nicht statt, stattdessen drehen sich die Unterhaltungen im Kreis, kommen zu keinem Ergebnis und hinterlassen nicht nur bei den handelnden Personen, sondern auch beim Leser Stirnrunzeln. Im Verlaufe des Buches trifft Alice die rauchende Raupe auf dem Pilz (Mai), die ein Gespräch mit der gleichen Frage: „Wer bist du?“ beginnt und beendet – ein kreisendes Gespräch, das sinnlos erscheint. Die Raupe erzählt ebenfalls von dem Mann, der einen Aal auf seiner Nase balanciert, zu sehen in Benders Junibild.

Absurde Bilder folgen aufeinander so z.B. ein grausames Ritual zwischen Töpfen und Pfannen, die Luft ist pfeffergeschwängert, ein Baby schreit, Alice nimmt es in den Arm, versucht es zu beruhigen und es verwandelt sich in ein Ferkel.(Juli) Auf dem Ofen sitzt eine bis über beide Ohren grinsende Lachkatze:(Cheshire Cat).
Weiter geht es mit der Grinsekatze, die den Weg zur verrückten 5 Uhr Teegesellschaft, bestehend aus dem Hutmacher (Hatter), dem Märzhasen (March hare) und einer schlafenden Haselmaus (Dormouse), weist (August).

Hier sind Kenntnisse von englischen Sprichwörtern nötig, die da lauten: „To be as mad as a hatter“ = völlig verrückt sein, „as mad as a March hare“ bedeutet das gleiche aufgrund des aufgedrehten Verhaltens der Hasen zur Paarungszeit im März… Die Teegesellschaft befolgt die strengen Regeln des Wunderlands, wohl wissend, dass bei Widersetzung hohe Strafen drohen. Bei ihrem letzten Umdrehen während des Verlassens der Teegesellschaft sieht Alices indes, dass der Hutmacher gemeinsam mit dem Märzhasen die Haselmaus zu ertränken versuchen. Strenge Regeln, die jedoch bei Übertretung keine Konsequenzen zu haben scheinen.

Im nächsten Bild, das dem September zugeordnet ist, trifft Alice auf drei Gärtner, die damit beschäftigt sind, weiße Rosen rot anzumalen. Alice fragt nach dem Grund, und sie erzählen ihr, dass sie versehentlich einen weißen Rosenstock pflanzten und deshalb befürchten, auf Befehl der Königin geköpft zu werden. Schon naht ein feierlicher Spielkarten-Zug mit dem König und der Königin, und sobald die Königin die drei Gärtner entdeckt, ruft sie: „Kopf ab!“

Alice will sie zunächst auch den Kopf abschlagen lassen, aber dann befiehlt die Königin dem Greif, Alice zur Suppenschildkröte zu bringen, damit diese dem Mädchen ihre Geschichte erzählen kann. So hört Alice erstmals von der Hummerquadrille am Strand. Bender fasst diese Begegnungen sowie das Treffen zwischen Alice und der krocketspielenden Spielkartenkönigin, deren Schläger Flamingos und deren Bälle Igel sind, in ihrem Oktoberbild zusammen und gibt uns den Hinweis darauf durch einen falschen Suppenschildkrötenarm mit dem der Schläger gehalten wird.

Als Alice und der Greif zurückkommen, findet eine Gerichtsverhandlung statt. Angeklagt ist ein Bube. Richter ist der König. Der König verlangt schon zum wiederholten Mal, dass die Geschworenen endlich ihr Urteil fällen, aber die Königin will, dass vor der Urteilssprechung die Hinrichtung stattfindet. Das hält Alice für Unsinn und sie protestiert, worauf sie sich ihrem absurden Traum durch ihr Wachsen auf ihre normale Größe und durch Erwachen erzieht. Aus den Henkern werden wieder normale Spielkkarten. (November)

Andrea Bender endet Ihre Bilderfolge mit der Begegnung von Alice und der Grinsekatze, deren Lächeln in ein Grinsen umschlägt, das über allem steht. Dies Grinsen evoziert zwar einen Schlusspunkt, bietet jedoch kein Happy-End, es verweist vielmehr den Betrachter auf sich selbst und überlässt ihn sich selbst und seiner Interpretation. (Dezember)

 

Keine leichte Kost, denn so wie Alice im Wunderland zur englischen Nonsense-Literatur zählt, so sind auch den Arbeiten Benders mit der Logik unserer realen Maßstäbe nicht zu erfassen.
Logik scheint außer Kraft gehoben, Proportionen verschwimmen, was sich zum Beispiel im ständigen Wachsen und Schrumpfen äußert, und die Fabeltiere verlieren sich (im Buch) in sinnlosen Sprachspielen, wo sie häufig aneinander vorbeireden. Manche Buchinterpretationen gehen sogar in ihrer Deutung noch weiter: „Alice“ sei ein frühes Werk der Moderne aufgrund der Zerstörung aller Konventionen, ein Vorläufer des Surrealismus oder sogar des Dadaismus, usw… Gewisse Passagen erinnern an „Warten auf Godot“, handeln von der Absurdität jeglicher menschlicher Regeln und Logik. Dennoch enthält Alice im Wunderland bei allem Nonsense eine hohe Kritik an gesellschaftlichen Zuständen, die der Autor Caroll damals 1865 vorfand. Das „Kopf-ab“-Verhalten der Herzkönigin scheint sich direkt auf die als herrisch und unfreundlich bekannte Königin Viktoria zu beziehen. Ziemlich deutlich ist die Kritik an den Zuständen des Justizwesens (nicht umsonst geht die Verhandlung im absoluten Chaos unter) an dem vollkommen veralteten Erziehungssystem, sowie an strengen dogmatischen Verhaltensgrundsätzen. Letzten Endes ist die verrückte Teegesellschaft auch als Spitze gegen die elitäre englische Oberschicht zu verstehen, deren Autorität und dem sinnlosen Befolgen von strengen Regeln.

 

Andrea Bender schafft es, das berühmte Werk inhaltlich in eine Malerei zu übersetzen, die es inhaltlich ins Heute hinüberrettet. Ihre 12 + 2 Arbeiten illustrieren nicht das literarische Werk Carolls, wie einst der britische Zeichner John Tenniel, sondern sie interpretieren es mit ihrer eigenen Sprache als Künstlerin. Sie geben nicht nur den fantasievollen Literaturfiguren ein Gesicht und eine Form, sondern sie überführen viel mehr die im Kreis geführte Logik und die zusammenbrechende Realität auf eine Ebene, auf die der Betrachter – seinen Erfahrungen gemäß – selbst entscheiden kann, ja muss, was für ihn real oder grotesk ist, was Traum, was Wirklichkeit.

 

Dr. Claudia Schaefer

cubus kunsthalle, duisburg

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