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Wilfried Schaus-Sahm – Eröffnungsrede von Dr. Susanne Höper-Kuhn

Eröffnungsrede

20 von 60

wilfried schaus-sahm

malerei – grafik – fotografie – collage

11. bis 26. juli 2009

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Wilfried Schaus-Sahm gehört nicht zu jenen Menschen, die in einem geschlossenen Eisenbahnwagon sitzen und erst merken, dass dieser sich überhaupt bewegt, wenn er anhält oder losfährt. Er bewegt sich lieber selber mit allen Reibungen, die ein Lebensstrom von nunmehr 60 Jahren so bereithält, um das Chaos im eigenen Innern wie im Außen produktiv zu machen.

Wieder und wieder musste ich einen Anlauf nehmen, aber irgendwann erschloss sich mir dieses „Hurengebräu“. Von dem Moment an stand das Tor zu einer neuen Welt für mich offen und ich konnte mit Feuereifer nicht nur durch die Jazzgeschichte streifen, sondern fand Gefallen an afrikanischen Polyrhythmen oder Neutönern wie John Cage, Luc Ferrari, Luciano Berio.“ so Schaus-Sahm in der WAZ vom 10. März 2007, retrospektiv zu „Bitches Brew“ von Miles Davis. Ein Schulfreund hatte ihm 1970 mit einer LP von Davis über den Split der Beatles hinwegtrösten wollen. „Bitches Brew“, ein Chaos von zuweilen drei gleichzeitig spielenden Klavieren und drei Schlagzeugern, die in gegenläufigen Rhythmen spielten, verstand sich als Fusion von Rock- und Jazzelementen.

Ein ähnliches Tor zu einer neuen Welt muss Schaus-Sahm wohl ein zweites Mal aufgestoßen haben als er sich vor 20 Jahren an die Staffelei setzte und seither mit eben demselben Feuereifer sein Glück und seine Verzweiflung ohne ablenkende Motive in seinen Gemälden und Collagen, Grafiken und Fotografien zum Ausdruck bringt. Und auch ist es kein Zufall, dass seine Bilder voller Bewegung sind, dynamische Rhythmen setzt er gegen die Leere und wird so selbst zum Navigator seiner abstrakten Kompositionen, zum Dirigenten, der statt des Taktstocks den Pinsel in der Hand hält. Es ist eine leidenschaftliche und temperamentvolle Malerei, die sich allein aus der Bewegung und Gestik speist, die sein Körper in einem konkreten malerischen Prozess des Zusammenfügens und Auseinanderfallenlassens, des Werdens und Vergehens bestimmt.

Als ich Schaus-Sahm vor einigen Monaten zum ersten Mal in seinem Dinslakener Atelier besuchte, war das für mich eine Entdeckung. In der räumlichen Enge des ausgebauten Dachbodens seines Hauses standen zig Gemälde geschichtet an Regalen. Regale, in denen sich unendliche Reihungen von Büchern und CDs zu Strukturen formierten. Fotografien und Zeichnungen, Zeitungsausrisse, Schnipsel aus Zeitschriften, Schallplattencover, aufgeschlagene Bücher, auf einem gezimmerten Tischchen geordnet aufgestellte Einmachgläser mit einer enormen Menge von Pinseln, fein säuberlich sortiert. „Enge benötigt Organisation und Struktur, ein Ordnungssystem“, so sein Kommentar.

Bisher kannte ich den Namen Schaus-Sahm immer nur in Verbindung mit dem „Taumzeit“-Festival. Der Germanist, Philosoph und Kunsthistoriker, der in Aachen und Freiburg studierte, hat seit 1997 als Begründer und künstlerischer Leiter des Musikfestivals Duisburg als Sommer-Festivalstadt der Musik und Kunst international bekannt gemacht. 2008 legte er sein Amt nieder, konsequent und kompromisslos, weil ihm die politischen Einflüsse zu Lasten der Qualität des künstlerischen Konzepts zu bestimmend wurden. Nach seiner Amtsniederlegung gab sich die Politik denn auch „Beredt sprachlos“, um hier den Titel des Gedichtbands, den der Künstler herausgab, zu zitieren.

Was ich bis zu dem Atelierbesuch nicht wusste:„Traumzeit“ war nur eine Facette seines Lebens. In Anbetracht des erstaunlichen Querschnitts aus 20 Jahren seines bildnerischen Schaffens mit über 65 Arbeiten, abgesehen von den Tableaus, die sich jeweils mit bis zu 30 in CD-Hüllen montierten Zeichnungen, Fotokopien, Collagen, Ausschnitten von Gemälden, Fotografien u. a. in der Größe von jeweils 14 x 12 cm in Reihungen geradezu multiplizieren, 1000 mögen es wohl locker sein, nähern wir uns ihm als Künstlerpersönlichkeit, der seine Kunst in der Tat mit „Feuereifer“ betreibt.

Und wir sehen nicht nur in der Fülle der Formen und Ausdrucksmöglichkeiten, sondern auch in der Qualität seiner Arbeit, dass da jemand ist, der mit verve seinen eigenen künstlerischen Weg geht, unangetastet vom Schubladendenken kunsthistorischer Kategorisierungen. Er ist ein Conesseur der Kunstgeschichte, der auch aus dem reichen Material dieser Wissenschaft schöpft, aber mehr in Hinblick auf ein die „Kunst leben“, als ein „Kunst verkopfen“. Einen Verbündeten fand er in dem Duisburger Maler Prof. Manfred Vogel, der im letzten Jahr unerwartet verstarb, den er nicht nur als künstlerischen Mentor schätzte, sondern auch als Freund.

Was ist nun das Besondere an diesem Ausschnitt aus 20 Jahren des künstlerischen Schaffens, bis auf die Tatsache, dass es kaum einer wusste, was der Schaus-Sahm da so alles auf die Staffelei stellt? Eine Antwort könnte sein, dass die Arbeiten auf empathische, teils kritisch-humorvolle Art romantische Motive wie Melancholie und Sehnsucht und Methoden wie das Fragmentarische, das Ephemere und das Prozesshafte ins Spiel bringen. So durchkreuzen sie den allgemein bekannten Gegensatz von romantischer Innerlichkeit und konzeptueller Rationalität, sozusagen eine Fusion scheinbar gegenläufiger Rhythmen in einer Gesamtkomposition.

Eine andere Antwort könnte sein: Er schöpft aus dem Wissen des philosophischen Seins und fügt dieses in seinen künstlerischen Kosmos als natürliche und spirituelle Ordnung ein. Er befragt die Bildlichkeit und Abbildlichkeit des Sehens und des Gesehenen in einer Art Feldforschungsstudie zur Wahrnehmungsphysiologie und -psychologie und das in einer Welt, die sich von Bildern aus den Medien überschwemmt sieht.

Da sagen Sie, meine Damen und Herren, dass machen doch viele Künstler. Schaus-Sahm macht es aber anders: Er zeigt uns in seinen Gemälden, Collagen und Fotografien nämlich solche Teile der Wahrheit, die am nächsten die Wirkung des Ganzen hervorbringen. In der Tat eine Kunst, die uns wie durch Zauber mitten in eine Welt von Zeichen versetzt, eine Ansicht der Dinge, der Hoffnungen und Befürchtungen in dem rechteckigen Ausschnitt eines Bilderrahmens, die uns ad occuli wie in ein gegenwärtig Geschehendes hinein führt. Er ist jedoch kein Grübler, der über dem inneren Zusammenhang von Ereignissen brütete, welche letztlich die Geschichte bilden und trachtet auch nicht danach, diese zu einem Wissen verknüpfen zu wollen, sondern alles ist vielmehr da, in seiner künstlerischen Vergegenwärtigung von urwüchsiger malerischer Kraft.

Die titellosen Arbeiten, die in den frühen Jahren noch in lebensvoller Farbigkeit figurativ daherkamen, werden zunehmend von collagierten, spielerisch experimentellen Abstraktionen abgelöst. Der Künstler scheut nicht die Konsequenzen seines Vorgehens. Seine Gemälde sind vielschichtig: Linienverknüpfungen, Schraffuren, Ablösungen. Das malerische Element überwiegt und fügt sich zu bewegten abstrakten Seelen-Landschaften zusammen, in denen der Betrachter Zeichen, Fragmente von eincollagierten Alltagsmaterialien, offene und geschlossene Formen und Flächen erkennt. Es gibt Linien in diesen „Landschaften“, welche in solchen Beziehungen zueinander stehen, dass sie entweder in ein Gemälde gebracht oder aber bewusst ausgelassen werden.

Es leuchtet ein, wie gefährlich diese Methode für einen Künstler sein kann, denn eine solche Auslassung könnte auch subjektive Beliebigkeit bedeuten, lebendigste Individualisierung, die nicht nach dem Dialog sucht, sondern nach hermetischer Introversion. Doch das ist nicht das Interesse von Wilfried Schaus-Sahm. Vielmehr steht sein künstlerisches Finden in seiner Formensprache aus bewusster Reduktion für diesen Dialog als der natürlichsten Art und Weise, seine Bildinhalte dem Betrachter mitzuteilen.

In seinen frühen Arbeiten bedient er sich immer wieder der Collage-Technik, die sich letztlich durch sein gesamtes Werk zieht. Anfänglich finden sich collagierte Alltagsmaterialien wie Wellpappe, Tapetenreste, Fragmente von Papiertragetaschen etwa in seinen Gemälden, mit denen er eine Oberflächenstruktur für sein Ausdrucksanliegen schafft. Später verselbständigt sich diese Technik zu einem spielerischen Sampling unabhängig voneinander entstandener Arbeiten, nicht den Funken der Poesie vergessend, „als systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene“, wie es Max Ernst 1962 formulierte. Mit dem Sampling, einem hier von mir bewusst der Musiktheorie entliehenem Begriff, sind hier insbesondere die schmalen, stelenartigen Gemälde angesprochen, die er nach den Bedingungen des Raums, nach ästhetischen oder inhaltlichen Gesichtspunkten arrangiert. Allein in dem Zuordnen liegt ein enorm kreativer Prozess mit unendlichen Variationen von Möglichkeiten, um das Einzelne dennoch in den Sinn eines Ganzen zu überführen. Die Elemente von unterschiedlicher farblicher Tonalität und Vehemenz des Farbauftrags werden der Gesamtkomposition als sozusagen Töne oder Geräusche beigemischt. Für die Ausstellung haben im übrigen Dr. Claudia Schäfer und Evangelos Koukouvitakis in Zusammenarbeit mit dem Künstler wunderbar fusioniert, um ein stimmiges Sampling, das auch polyphone Rhythmen zulässt, abzuliefern.

Neben die Zeichnung, die Malerei setzt er die Fotografie, augenscheinlichen Bildern aus der Wirklichkeit, die bei ihm gedankliche Assoziationsketten freisetzen als Grunderfahrung des Begreifens. Er stellt die Frage nach der geistigen Genese, deren Anfang eine allgemeine Orientierung ist, aus der sich universale Begriffe und Zeichen ergeben, die als solche, unabhängig von der Sozialisation des Betrachters, „lesbar“ werden können in einer archetypischen Bilderschrift. Eine Bild-Schrift, die in einer Schwebelage zwischen Abstraktion, nichtnaturalistischer Gegenständlichkeit, teils auch phantastischer ,teils ornamental gebundener Figürlichkeit als ein Spiel mit den Facetten unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit aufscheint. Dieses Spiel mit Fragmenten der Wirklichkeitswahrnehmung setzt Schaus-Sahm fort, indem er kleinformatige Zeichnungen, die ad hoc und spontan entstehen, Ausschnitte eigener Gemälde, u. ä. in Tableaus anordnet, die aus CD-Hüllen bestehen – wie bei einem Drucker, der die Lettern in seinem Setzkasten anordnet, fügt sich nun wiederum das Einzelne zum Ganzen in einer geordneten Struktur, zu einer „Weltanschauung“, in einer Art Assoziagramm, auch mindmap genannt. Die Tableaus dürfen als solche bezeichnet werden, dienen sie doch der Erschließung und der visuellen Darstellung eines Themengebiets bzw. einer Ideensammlung, oder erscheinen gar wie Mitschriften.

Nach dem Prinzip der Assoziation hilft eine mindmap, Gedanken frei zu entfalten und die Fähigkeiten des Gehirns zu nutzen. Wie funktioniert das bei Schaus-Sahm? Zumeist findet sich in der Mitte der Tableaus das zentrale Thema in Form eines Bildes, entsprechend etwa der Kapitelüberschrift eines Buches. Daran schließen sich die Hauptlinien mit organischen dick oder dünn auslaufenden Hauptlinien an, die jeweils für einen Schlüsselbegriff verwendet werden. Daran setzt Schaus-Sahm dünner werdende Zweige an und, unter Verwendung von Buchstaben ähnlichen Zeichen, eine zweite und dritte, sowie weitere Gedankenebenen, sozusagen Unterkapitel. Bildelemente oder persönliche Codes ermöglichen es nun Querverbindungen herzustellen. Die Assoziagramme von Schaus-Sahm sind mit viel Kreativität und zuweilen humorvoll umgesetzt. Wesentlich ist festzustellen, dass das Assoziagramm beendet ist, wenn es der Künstler beschließt – theoretisch könnte es ins uferlose wuchern, wie die Reihungen an den Wänden andeuten – und theoretisch kann natürlich jedes enthaltene Bild und Zeichen Mittelpunkt eines neuen Tableaus werden, da die assoziativen Fähigkeiten unbegrenzt groß sind, also mit Anfang aber ohne Ende.

Schaus-Sahm geht konsequent seinen künstlerischen Weg von einer von Farbinseln in Chiffren informeller Struktur- und Texturgebung gebundenen Malerei hin zu einer Ausdrucksform, die zwar an die Zeichenhaftigkeit des Vorherigen anknüpft, durch die Assoziagramme hindurch, nun durch Auslassungen umso stärker, konfrontierender aufscheint. Beim Schwarz-weiß-Bild konzentriert sich das Sehen auf das Zeichen, die Linie, die Form, ohne ablenkende Umwege, und setzt es dem Ansturm unserer farbigen Bildwelt entgegen. Ungewöhnlich die Rahmung. Die Leinwände auf Keilrahmen aufgezogen, setzt er in eine Art verglaster Schaukästen, zu interpretieren als eine Erweiterungsform der Rahmung kleinformatiger Arbeiten in CD-Hüllen.

Ausgehend von der Suche des Künstlers nach einer Verschriftlichung von Wirklichkeit mit den Mitteln der bildenden Kunst erscheint in seinem Gesamtwerk die Fotografie als notwendiges Pendant zur Malerei. Oder, um mit Walter Benjamin zu sprechen: „Nicht der Schrift-, sondern der Fotografie-Unkundige wird der Analphabet der Zukunft sein“. (aus: Kleine Geschichte der Photographie). In einem selektiven Wahrnehmungsverfahren fotografiert Schaus-Sahm Ausschnitte der Wirklichkeit. Direkt und unmittelbar konfrontiert er uns mit dem Augenblick, ohne sich dabei der Montage oder der digitalen Bearbeitung dieser Fotos zu bedienen und führt somit sein künstlerisches Schaffen auf ein Element zurück: auf das Aufleuchten der Wirklichkeit im Augenblick des Sehens als Wahrnehmung der Möglichkeiten unserer Existenz.

Die Fotografie stellt das Denken eben anders dar, insbesondere den Diskurs über das Reale, auf eine Probe, und dies umso mehr, als das Nachdenken über die Wirklichkeit verstärkt mit Hilfe von Bildern geschieht. Das mentale Bild oder das Imaginäre und die Fotografie haben eines gemeinsam: die unmittelbare visuelle Wahrnehmung von Informationen. Im zeitgenössischen Denken besitzt dies eine herausragende Bedeutung, vor allem in der Psychologie und der Semiotik. Die Fotografie mit der ihr eigenen „Transparenz“ hat sich – gegen ihren Willen –zur Schnittstelle des Dilemmas von Bild und Gedanken entwickelt, da sie den Blick, die sie entziffert, auf das betrachtende Subjekt und das in ihr dargestellte Objekt gleichermaßen zurückwirft als Formen des Schauens, oder sollte ich besser sagen als bildnerische Formen des Schaus, meine Damen und Herren?

Bei all‘ dem Gesagten und Gesehenen stecken in diesen Arbeiten sicherlich auch Partikel der „Traumzeit“, der Alcheringa, wie sie in der Sprache der Aranda, in Zentralaustralien lebend, genannt wird. Vielleicht begegnen Sie während ihres Rundganges durch die Ausstellung gar der Regenbogenschlange, denn sie „ist die Verschmelzung von zwei wichtigen Prinzipien, die die Einheit von Geist und Materie darstellen.“

Und nun müssen ja vielleicht Sie, meine Damen und Herren, wieder und wieder einen neuen Anlauf nehmen, das Tor zu einer neuen Bilderwelt aufzustoßen, vielleicht konnte ich ihnen das Tor schon einen Spalt öffnen und rufe Herrn Schaus-Sahm gerne mit meinem herzlichen Glückwunsch zu: „Nur weiter so, da schau(s)en wir mal gespannt, was da noch für Früchte aus dem Sahm werden…

Dr. Susanne Höper-Kuhn, Kunsthistorikerin, Düsseldorf

dr.s.hoeper-kuhn@t-online.de