Heinz-Josef Klaßen . Fotorealist . Fotograf . Bildhauer. 19.09.2020 – 22.11.2020

Als einem der ersten Farbfotografen und fotorealistisch arbeitenden Künstler widmet die cubus kunsthalle Heinz Josef Klaßen diese Ausstellung über sein Lebenswerk zu seinem 84-jährigen Geburtstag.

Zur Ausstellungseröffnung am Samstag, dem 19.9.2020 um 18h laden wir Sie herzlich ein. 

Bezugnehmend auf die geltenden Pandemieverordnungen und  aufgrund der begrenzten Personenzahl, bitten wir Sie, sich unter info@cubus-kunsthalle.de anzumelden, einen Ausdruck Ihrer digitalen Einladung mit Ihrer Adresse zu versehen oder die postalisch an Sie gesendete Einladungskarte beim Einlass an der Information abzugeben, damit sich Kontakte nachvollziehen lassen. Bitte bringen Sie Ihren Nasen-Mundschutz mit und beachten Sie die Abstands- und Hygienevorschriften. 

Die Ausstellung ist geöffnet fr-so 14-18h und nach Vereinbarung unter 0170 – 44 11 918.

Mit dem Begriff der künstlerischen Farbfarbfotografie verbinden wir heute einen großen Namen: den von Andreas Gursky. Mit seinem ersten veröffentlichten Farbfoto, einem farbfotografisch festgehaltenem E-Herd, erregt er im Jahr 1980 Aufsehen und sollte damit in die Analen der Kunstgeschichte eingehen. Bereits 10 Jahre zuvor, indes, fotografiert bereits Heinz-Josef Klaßen munter Flaschen- und Getränkeautomaten – damals für die Kunst völlig verpönt: in Farbe. Erste Farbfotografien sind bereits für 1959 belegt. In dieser Zeit wurde die Farbfotografie nur in ihren angewandten Bereichen, z.B. der Grafik und Werbung verwendet, in der Kunst war allein die schwarz/weiß Fotografie angesagt. Klaßen verwendet die Farbfotografie nicht in dem Bewusstsein damit Fotografiegeschichte zu schreiben, nein, er tut es auf der Suche nach Motiven. Motive für seine Gemälde. Das Farbdiapositiv allein versetzt ihn damals als Maler in die Lage, großformatige Motive auf die Leinwand zu projizieren, um fotorealistisch zu arbeiten. Klaßen ist damit nicht nur einer der ersten Künstler, der die Farbfotografie für die Kunst entdeckt, er ist auch einer der ersten fotorealistischen Maler in Deutschland.

Seine Wurzeln hat der Fotorealismus zur gleichen Zeit in den USA. „Diese Bilder von Bildern, in Öl oder Acryl, mit Pinsel oder Spritzpistole angefertigt, wurden erstmals 1970 im New Yorker Whitney Museum of American Art gezeigt, in Europa gilt die documenta 5 als erste große Gruppenschau des Fotorealismus. Unter dem Motto »Befragung der Realität – Bildwelten heute« präsentierte die Kasseler Kunstausstellung, 1972 geleitet von Harald Szeemann, die neu aufkeimende Stilrichtung – und verhilft ihr, zu internationalem Durchbruch. In der Mitte der 1970er-Jahren folgten weltweit über 100 Ausstellungen, zahlreiche Kritiken und Kommentare erschienen in Zeitungen und

Zeitschriften über die überaus naturalistische, wirklichkeitsnahe Kunst.“ (aus: Hatje Cantz Verlag, Magazin Künstler & Kunstlexikon).
Der New Yorker Galerist Louis K. Meisel führt bereits 1969 den Begriff Fotorealismus in den USA ein. 1972 stellt er fünf Kriterien auf, die ein Maler, hier geht es um Künstler in den USA, mitbringen muss, um als Fotorealist zu gelten: Der Fotorealist nutzt die Kamera zur Bildfindung. Er verwendet mechanische Mittel, um die Informationen auf die Leinwand zu übertragen. Er muss seine Arbeit fotografisch erscheinen lassen und bis 1972 als Fotorealist ausgestellt haben sowie sich mindestens fünf Jahre lang der Entwicklung und Ausstellung fotorealistischer Arbeiten gewidmet haben. – Die ersten fotorealistischen Bilder von Heinz-Josef Klaßen stammen von September 1970. Also zwei Jahre vor der Dokumenta V, die den Fotorealismus erstmalig in Deutschland bekannt machte. Inspiration findet der Künstler in der amerikanischen Pop Art. Als die Dokumenta im Jahr 1972 startet, kann er bereits auf 30 fotorealistische Arbeiten verweisen. Dem Umstand, dass in Deutschland das Bekanntwerden dieser völlig neuen Kunstrichtung zeitverzögert zu den USA sattfindet, mag es geschuldet sein, dass Klaßens erste Ausstellung mit fotorealistischer Kunst im Oktober 1973 stattfand. Dies, am Rande bemerkt in Duisburg, in dem ehemaligen Iduna Versicherungshaus an der Düsseldorfer Straße, wenige Schritte von der cubus kunsthalle entfernt. Damit erfüllt Klaßen alle fünf von Meisel aufgestellten Voraussetzungen, um als Fotorealist geführt zu werden.

Der 1936 in Meppen (Ems) geborene Heinz Josef Klaßen fotografiert ab 1970 in Essen, Duisburg und Umgebung. Die Aufnahmen entstehen ausschließlich auf Farbpositivfilm und dienen ihm als Vorlagen für seine fotorealistischen Gemälde. Die damals aufgenommenen 500 Diapositive werden 2015 von Klaßen wiederentdeckt, digital restauriert und in unterschiedlichen Formaten, meist in Din A3 und Din A4 auf dem eigenen Drucker ausgedruckt. Dabei helfen ihm seine Malereien, die die einstigen Farben der Fotoausdrucke bis heute konservieren, die Farben der längst verblassten

Diapositive wieder zum Leben zu erwecken. Anhand der Malereien gelingt es ihm heute, die Farben der eingescannten Dias im Fotoausdruck computergestützt zu rekonstruieren. Dies dürfte ein einmaliger Vorgang sein: nämlich die Farbwiederherstellung des Original Dias, anhand der Malerei, für die es einst Pate stand! Vor diesem speziellen Hintergrund dürften Klaßens restaurierte Fotoarbeiten auch im Hinblick auf die Gründung eines Restaurierungszentrums in NRW von großem Interesse sein.

Die Farbe in seinen Werken ist ein wichtiges Kriterium sowohl in Klaßens Fotografien als auch in seiner Malerei. Zeigen seine Arbeiten doch, die lebendige Farbigkeit des Ruhrgebiets, das niemals nur grau oder in schwarz/weißen Fotoerinnerungen weiterleben sollte. In dieser Farbigkeit wird bereits damals die heutige Idee vom grünen Ruhrgebiet quasi visionär und seismografisch vorweg genommen.
Dabei inszeniert Klaßen gekonnt den Alltag des Ruhrgebiets der 1970er Jahre, ohne die industrielle Arbeit in den Fabriken, an den Hochöfen oder im Untertage Kohleabbau zu thematisieren. Ihn interessieren vielmehr Sonntagsspaziergänge mit den Kindern, Straßenszenen, Reklame, bunte Schaufensterauslagen & -puppen, Bahnübergänge, Baustellen, freie Flächen, Abbruch und Umbruch, Tankstellen, Brachen, innerstädtische Einöden und von Neon erleuchtete bunte Nachtszenen. Vieles erinnert an US-amerikanische Großstädte. In seinem Werk leben die 1970 Jahre wieder auf und lassen die älteren Betrachter in Erinnerungen schwelgen. Man erinnert sich gerne daran, als das Benzin noch 55,9 Pfennige pro Liter gekostet hat und Straßenbahnen als bewegte Werbeflächen die Straßen querten. „Auch „selbst tanken“ kommt damals erst so langsam in Mode. Heute ist der Tankwart fast nicht mehr existent.“, schreibt der Westen über eine seiner wenigen Ausstellungen. Wahlplakate, wie das der SPD, auf dem der damalige NRW Landesvater Heinz Kühn und der junge Helmut Schmidt den Slogan „Den Aufschwung wählen“ proklamieren, dokumentieren einerseits den damaligen Zeitgeist, spannen aber auch einen Bogen bis hin zur heutigen Realität. Andere Plakate, wie die mit dem ewigen Cowboy der rot-weißen Zigarettenmarke oder die, mit dem braungebrannten Model, das für Delial Sonnencreme wirbt, sind gänzlich aufgrund der bekannten gesundheitlich verursachenden Schäden aus dem heutigen Stadtbild verschwunden. Viele seiner ausgewählten Orte gibt es nicht mehr, sind im Zuge der urbanen Entwicklung der Stadtplanung zum Opfer gefallen. Vor diesem Hintergrund haben heute seine Fotografien auch einen außergewöhnlichen dokumentarischen Wert. Manche Motive von Häuserkulissen, Parkplätzen, Unterführungen und Bahnübergängen existieren noch und haben sich kaum verändert. Die vereinzelt auf ihnen zu sehenden Menschen verunsichern jedoch den Betrachter. Kleidung und Aussehen passen einfach nicht ins Heute. Manchmal ist es die Kleidung, oder eine Werbung, der Name einer Firma, oder ein Automodell, das den Bruch hervorruft. Und dann kommt dieses Aha Erlebnis, das die Arbeiten zeitlich einordnet und so einzigartig machen.
Dem Künstler geht es indes in erster Linie immer um eine bildnerische Auseinandersetzung, sowohl beim Fotografieren als auch beim Malen. Er erschafft eine eigenständige Bildwirklichkeit, die aus der konstruktiven Gesetzmäßigkeit und subjektiven Befindlichkeit erwächst. Die fehlende pessimistische Grundstimmung, aber auch die technisch anspruchsvolle Malkultur der Werke kann durchaus als Reverenz an die ursprünglichen Objekte gesehen werden, die zu ihrer Zeit in ihrer Werthaltigkeit Leben und Arbeit für die Menschen bedeuteten. Deutlich wird auch, vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, wie das Nützliche und Geschätzte sich schnell als unzeitgemäß und nicht mehr brauchbar erweist und dann im Zuge der Zeit in Vergessenheit gerät.
Klaßen hat – auch wenn er fotografiert – immer den Blick und die Motivauswahl eines Malers. Dieser „malerische Blick“ auf den Bildausschnitt, die Spannung zwischen dem Dargestellten, die Gewichtung des Vorder- und Hintergrunds, all dieses Wissen des Malers, zieht sich wie ein roter Faden durch sein fotografisches Werk. Kein Wunder, er macht ein Foto, nur von dem, was er malen würde. Dabei darf

nicht vergessen werden, dass es damals noch keine computerunterstützte Bildbearbeitungsprogramme gibt.

Die Ausstellung in der cubus kunsthalle, duisburg zeigt vier Bereiche seines künstlerischen Schaffens. Die fotorealistische Malerei, die Fotografie, die längst im Oeuvre Klaßens aus ihrem Motiv festhaltenden Zweckdasein befreit zur eigenständigen Form der künstlerischen Auseinandersetzung gefunden hat, die Holzbildhauerei und die -im Zuge der Ausstellungsvorbereitung von ihm wieder entdeckten- Zeichnungen.

Das zeichnerische Werk verfügt über sehr frühe Kinderzeichnungen, zahlreiche Skizzenbücher, Hunderte von Einzelskizzen, Feder-und Farbstiftzeichnungen sowie Tempera-und Aquarellarbeiten in verschiedenen Formaten von 1960 bis in die achtziger Jahre. Sie sind von erstaunlicher Sensibilität, Fantasie, Variabilität und Freiheit. Klaßen selbst bestätigt, dass ohne diese Arbeiten seine fotorealistische Malerei in Öl sowohl in dem Größenformat als auch der Qualität nach überhaupt nicht möglich gewesen wäre.
Dem gegenüber steht seine Holzbildhauerei, als eine eigenständige, sich formal und inhaltlich völlig abgrenzende künstlerische Auseinandersetzung. Hier geht es nicht mehr um naturalistische, visuelle und um optische Umsetzungen von Sein und Schein. Sie geben nicht vor, etwas anderes zu sein, als sie sind. Holz mit aufwendig bearbeitenden Oberflächen, Falten, Kerben, Einschnitten. Hier geht es nicht mehr um die Optische Illusion, sondern um real und haptisch Begreifbares, und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Die Skulpturen laden geradezu dazu ein, angefasst zu werden. Ihren Oberflächen möchte man sich sinnlich annähern und: dies ist sogar erwünscht und auch erlaubt!

Mit dieser Ausstellung möchte die cubus kunsthalle dem künstlerischen Schaffen Heinz Josef Klaßens Ehre erweisen, der eine wahre Entdeckung für die Kunstwelt ist. Zeigt sie doch das noch weitestgehend unbekannte umfassende Oeuvre eines Künstlers, dessen nun 84 Jahre langes Leben immer um die Kunst und ihre Vermittlung kreiste.

Heinz Josef Klaßen studierte Kunsterziehung und Philosophie an der Kunstakademie Mainz und war 1966 bis 2000 neben seiner künstlerischen Tätigkeit Lehrer am Alfred-Krupp-Gymnasium in Essen. 2019 übernimmt das Fotoarchiv des Ruhrmuseums rund 300 Kleinbild- und Mittelformat-Dias, um damit das Essen der 1970 – 80 er Jahre zu dokumentieren. Bis Ende September läuft noch die Ausstellung „Die weite Stadt“, die hausinterne Ausdrucke der archivierten Fotografien des Künstlers zeigen im Ruhr Museum Zeche Zollverein.

Ab August 2020 zeigt der Kunstkiosk in Essen Heisingen, dem Ort an dem Klaßen wohnt und arbeitet, Auszüge des Künstlers aus seinem fotografischen Werk.

Die Ausstellung in der cubus kunshalle, duisburg beginnt am 19.9.2020 pünktlich zu seinem 84. Geburtstag.

Verfasst von der Kunstwissenschaftlerin: Dr. Claudia Schaefer

Abb.
„Wahlplakat Essen“, Farbdia, April 1975, Pigmentfarbdruck, 2020 Heinz Josef Klaßen/ Fotoarchiv Ruhr Museum


Udo Dziersk. ab 27.3.2020 – 31.10.2020 Die Ausstellung kann aktuell nur an den Wochenenden mit Voranmeldung besucht werden. Anmeldungen bitte per Email an: schaefer@cubus-kunsthalle.de.

Udo Dziersk

Liebe Freunde der cubus kunsthalle,
ein sehr interessantes Gespräch, das Frank M. Fischer mit dem Leiter des Orientierungsbereichs der Kunstakademie Düsseldorf, Prof. Udo Dzierzk, auf der #cubusLiveBühne in seiner gerade laufenden Ausstellung in der cubus kunsthalle, duisburg geführt hat, das wir Ihnen nicht vorenthalten möchten.

https://www.facebook.com/1st4you.de/videos/3360220093999533/

Coronabedingt wurde die Ausstellung mit einem Streaming eröffnet und hat seit dem 28.3.2020, bisher nur virtuelle, leider jedoch noch keinen richtigen Besucher aus Fleisch und Blut verbuchen können. Virtuelle Rundgänge sind schön, aber kein wirklicher Ersatz für den sinnlichen Kunstgenuß.
Wir freuen uns daher, dass die Ausstellung ab Samstag, dem 30.5. zunächst nur an den Wochenenden mit Voranmeldung der Interessierten, besucht werden kann.
Anmeldungen bitte an schaefer@cubus-kunsthalle.de. Wir koordinieren dann die Zahl der Besucher, sodass keine Warteschlagen vor der Ausstellung entstehen werden.
Die von uns bestätigte Anmeldung bringen Sie bitte zu ihrem Besuch mit, sie gilt, versehen mit Ihren Kontaktdaten, gleichermaßen als geforderter Pandemie-Kontaktmeldebogen.

Der Eintritt ist frei, wir freuen uns über Ihren Besuch.

Link zur Ausstellungseröffnung: 

https://www.facebook.com/groups/artists.network/permalink/10159548653513242?sfns=mo

Die Bildwelten des malerischen und zeichnerischen Schaffens von Udo Dziersk entführen den Betrachter in komplexe Bedeutungszusammenhänge, nehmen uns mit in facettenreiche Gedankenspiele. Inspiriert wird der Künstler vom Leben selbst, was ihm allerorts auf seiner „Durchreise“ mit all seinen Möglichkeiten zum Gestalten herausfordert. Die Auseinandersetzung mit Literatur und Kunstgeschichte – aber auch scheinbar banale Begebenheiten – bereichern gleichermaßen sein Werk. Seine Bilder sind detailreich, figurativ und überlassen selten etwas dem Zufall. Der Künstler transformiert, löst Elemente aus ihrem Kontext, vereint Unvereinbares miteinander und bietet mit seiner Kunst neue Horizonte der Betrachtung.

Der Ausstellungsbesucher wird nicht allein von der Kraft einzelner Bilder in den Bann gezogen, sondern gleichsam vom spannenden Dialog: Frühwerk und aktuelle Arbeiten geben sich ein Stelldichein – die Komplexität von heute ist im Gestern schon angelegt. Dziersk selbst betrachtet das Leben als eine Ansammlung von Versatzstücken. Diese Sichtweise äußert sich in „kollageartigen“ Momenten in seiner Kunst.

Seit 2002 ist er Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf und hat seit 2017 zudem eine Gastprofessur in X´ian/China. Udo Dziersk lebt und arbeitet in Wuppertal-Barmen.

Gedanken rund um die Kunst von Udo Dziersk
Versuch einer Annäherung

Dr. Claudia Schaefer / cubus kunsthalle, duisburg

Unsere Zeit hat nicht nur zur Jahrtausendwende den Übergang vom industriellen in das postindustrielle Zeitalter markiert, sie ist heute an einer weiteren Schwelle angekommen: einer Überflussgesellschaft, gekennzeichnet von einem ökonomischen Wahnsinn und der ethischen Missachtung gegenüber Mensch, Tier und Natur. Das Projekt des gläsernen Menschen, der totalen Überwachung und die technologische Wegrationalisierung des Menschen durch die Künstliche Intelligenz sind bereits auf Kurs gebracht und dabei, alles ein weiteres Mal zu revolutionieren. Wenn wir nicht aufpassen, wird auch die Freiheit der Kunst kurzerhand betroffen werden! Eine totale Bilder- und Informationsflut umgibt uns seit geraumer Zeit und nun, in Anbetracht des daraus erfolgten Verlustes von Maß und jeglichem Skrupel – auch angesichts eines drohenden Klimawandels – beginnt sich in den postindustriellen Gesellschaften einerseits eine vereinfachte grenzwertige radikal Weltsicht zu popularisieren, andererseits reüssiert aber auch eine Besinnung, eine Suche nach neuen Maßstäben und Werten. Ist Konsum, Wirtschaftswachstum alles? Kann er auch den inneren Hunger stillen? Angesichts dieser Fragen, sei am Rande auch folgende erlaubt: Brauchen wir eine neue Ethik? Eine Ethik, die dieser – trotz bestehender großer Unterschiede – viel zu rasant wirtschaftlich eng zusammengewachsene Welt, Einhalt gebietet? Und wenn ja, wie können wir sie verankern, ohne die individuelle Freiheit zu opfern? Fragen provozieren Antworten. Wobei diese sich immer nur annähern, das komplexe und in sich widersprüchliche, paradoxale Ganze nur ahnen, niemals erfassen können. Wir können uns nur schrittweise und fragmentarisch an das annähern, was wir abstrakt mit Ethik verbinden.

Um sich dem komplexen Werk Udo Dziersk anzunähern, bedarf es zu einem kurzen Diskurs auszuholen. Schon früh wurden die Entwicklungen, die mit seinem umfangreichen Schaffen in diesem Zusammenhang stehen, beschrieben und beleuchtet. Paolo Bianchi, Ausstellungsmacher und Publizist, stellte vor einiger Zeit Positionen verschiedener Philosophen vor, die unsere Gesellschaft betreffen und aus denen heraus sich unterschiedliche künstlerische Systeme ableiten lassen. Darunter die Stellungnahme des französischen Philosophen Jean Baudrillard, der den Zustand unserer Gesellschaft als „Übergang vom Wachstum zur Auswucherung“ beschreibt. Der nicht mehr zum Wohle der Menschheit betriebene Fortschritt, eine Massenproduktion, die mit immer mehr Überflussartikeln aufwartet, und die Bilder- und Informationsflut unseres Kommunikationssystems sind Zeichen dieser Auswucherung. Sogar unsere Städte, die sich mit hypertrophen, sich in jede Richtung ausweitenden Zellgeweben vergleichen lassen und jene faszinierende Fettleibigkeit, auf die man nicht nur in den USA stößt, spiegeln diese Ausuferung wider.1
Die Kunst, Spiegel unserer Gesellschaft, ist ein facettenreiches, sich nicht selten widersprechendes Wesen mit vielen Gesichtern. Neopop-Künstler scheinen diese metastatische Form der Steigerung noch übertreffen zu wollen. Baudrillard plädiert regelrecht für diese Strategie, die gewissermaßen als eine „kritische“ zu bezeichnen ist. „Wir werden die Obszönität mit ihren eigenen Waffen bekämpfen … Wir werden nicht das Schöne dem Häßlichen gegenüberstellen, sondern etwas Häßlicheres als das Häßliche suchen: das Monströse.“2 Auch empfiehlt er, aus dem Kunstwerk eine absolute Ware zu machen, damit die Kunst letztendlich verschwände in der Ware, im Konsum und in der wuchernden Massenproduktion.
Bianchi kennzeichnet unsere Zeit mit dem Begriff der Postmoderne: „Postmoderne? Die einen mögen das Wort, andere hassen es. Tatsache ist, dass es für keinen klaren Sachverhalt steht: keine prinzipiellen Regeln existieren mehr, kein Kriterium des Urteils, keines der Lust (denn es muss eine Spielregel existieren, damit man Lust empfinde, und je strenger die Regel, desto intensiver die Lust). Heutzutage gibt es auf dem Gebiet der Ästhetik keinen Gott mehr, der die seinen erkennt. Während in der Avantgarde die Frage lauten konnte, ‚ist das noch Kunst‘, ist in der Postmoderne alles erlaubt. Es herrscht eine große Unübersichtlichkeit, ein totales Tohowabohu. Die postmoderne Unendlichkeit bietet ‚alles in allem‘ (Peter K. Wehrli) und ‚alles und noch viel mehr‘ (G.J. Lischka). Markt, Museen, Sammler und der moderne Kunstvermittlungsapparat halten trotz Baudrillard an einer zwar nirgendwo schriftlich fixierten, aber dennoch unumstößlich scheinenden Spielregel fest. Gesucht werden nur die besten, teuersten Künstler, die großen Meister, die großen Asse, kurz, große Meisterwerke. Künstlerscharen konkurrieren miteinander wie Wirtschaftsbetriebe. Die Wirtschaft macht es ihnen ja täglich vor: größere Verkaufszahlen, steigende Gewinne, das Überrunden der Konkurrenten. Macht, Besitz und Aggressivität prägen nicht nur das wirtschaftliche, sondern mittlerweile auch das gesellschaftliche und nicht zuletzt das kulturelle Leben. Eine Künstlergesellschaft rücksichtsloser Aufsteiger ohne moralische und ethische Bindungen, deren kulturelle Identität sich durch die verfügbaren Statussymbole definieren lässt, scheint da heraufzudämmern. Ohne sich die Frage nach der inneren und äußeren Notwendigkeit seines Werkes zu stellen, hat des Künstlers Engagement für die Kunst einem erschreckenden Egoismus Platz gemacht. Karriere und Geld nehmen jetzt die Stelle ein.“3
Als dritter Kritiker sei Niklas Luhmann erwähnt. Er sieht unsere Gesellschaft als ein System mit „Antriebsstärke ohne Bremsen“. Im Gegensatz zu Baudrillard, der den Weg in die Selbstzerstörung propagiert, fordert Luhmann eine Form der „Selbstlimitierung“. Eine Selbsteinschränkung und -beherrschung, die in Richtung Ethik läuft, wenn man ihr gewisse allgemeingültige Wertmaßstäbe zuerkennt.

Wenn es sich gleichwohl bei den gesellschaftlichen Entwicklungen als auch bei den künstlerischen Systemen um moralische Fragen handelt, wie Baudrillard, Bianchi und Luhmann feststellen, so fallen Antworten darauf in den Bereich der Ethik. Kunst ist Ethik in dem Moment, in dem wir Ethik als übergeordnetes System, als Verantwortung und Verständigung definieren. Die Moral ist die auf eine bestimmte Lebenssituation angewandte Ethik. Sie besteht aus festen Regeln, während die Ethik über der Moral steht. Sie trifft das Innere des Menschen, sie liefert den abstrakten, noch nicht rationalisierten Inhalt für das, was wir als gut und als schlecht, als schön und als hässlich, als wahr und als falsch empfinden. In kaum einem anderen Bereich außerhalb der Kunst lassen sich Themen behandeln, deren Antworten jenseits unserer wissenschaftlichen Rationalität liegen. Für den Künstler gilt es nicht, dem Wirtschaftssystem nachzueifern, sondern dem etwas entgegenzusetzen, zum Nachdenken anzuregen, den Menschen als sensuelles, kreatives Wesen zu verstehen und ihn nicht etwa nach seiner Kaufkraft zu beurteilen. Kunst nur als Ware zu sehen, missachtet ihren geistigen Anspruch, es sei denn, der Künstler persifliert, überspitzt und nimmt dadurch eine kritische Haltung, bis hin zum beißenden Sarkasmus ein. Doch auch diese Haltung kann als eine ethische definiert werden. Beinhaltet sie doch ein Sich-aufbäumen, ein Revoltieren und Schockieren.
Vielleicht kündigt sich nun nach Jahren des Aufbaus, der Überwucherung ein Moment der Besinnung an, ein Innehalten, ein Suchen nach neuen oder alten Werten und Maßstäben, die jedoch keiner beim Namen nennen kann oder will. Dass diese aus der inneren und übergeordneten Ethik kommen, ist meines Erachtens zweifelsfrei. Aber der Ethik wieder einen Wert zu geben, ohne der Lächerlichkeit der Kunstkritiker anheimzufallen, ist nicht leicht. Sie in ihrer Abstraktheit zu definieren ist schier unmöglich. Alte Wertvorstellungen ins Heute zu übertragen, kommt einem Eskapismus gleich, einer Flucht in eine Scheinwelt, die der heutigen gesellschaftlichen Situation nicht mehr gerecht werden kann.
Was hat Ethik heute generell zu leisten? Soll sie Normen aufstellen, Regeln für ein friedliches Zusammenleben? Doch wer weiß schon, ob Frieden überhaupt erwünscht ist. Das meiste Geld lässt sich doch durch Kriege und Inflationen verdienen. Soll sie die Menschen in ihrer Entscheidungsfreiheit festigen, obwohl wir wissen, dass gerade die verängstigten, unsicheren Menschen viel einfacher zu manipulieren und zu regieren sind? Soll sie menschliches Leben erhalten, wo doch die Bevölkerungsexplosion eines der unlösbaren Probleme unserer Zeit ist? Ist denn Ethik überhaupt gefragt? Jeder setzt sie voraus, niemand wagt sie zu definieren und keiner hält sich an die Regeln, wenn der eigene Vorteil darunter leidet. Und wer kann es sich heute eigentlich noch leisten, von ihr zu sprechen, ohne nicht auch an ihr gemessen zu werden?
In einer heute mehr und mehr paradoxer gewordenen Realität, individuelle Entscheidungen zu treffen und Positionen zu finden, erscheint schier unmöglich! Wir können die Welt nicht mehr nur mittels dualistischer Polaritäten erfassen. Sie stellt sich vielmehr als ein weitaus komplexeres System von Theorien, Thesen, Antithesen und Meinungen dar, die allesamt, je nach Interpretation und Fachgebiet, zugleich richtig und falsch, wahr und unwahr sein können. Zum Beispiel kann das, was wirtschaftlich durchaus richtig ist, ökologisch völlig falsch sein etc… Im Dschungel der Interpretationen und Wertungen muss ein jeder seine persönliche Position finden, will er nicht im blindtauben Konsum resignieren. Aus den bewusst erlebten Paradoxien entspringt Kreativität – der resignierende Fatalismus endet im platten Konsum.

Udo Dziersk . Ein Maler zwischen Abstraktion & Einfühlung.
In dieser Zeit der kompletten Umbrüche arbeitet Udo Dziersk. Er begegnet ständig, nicht nur als Chinareisender und sowohl in Peking als auch an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrender Künstlerprofessor, diesen oben beschriebenen Paradoxien unserer Zeit. Gerade das heutige China bietet „alles zur gleichen Zeit“. Tiefe Traditionen und höchste technische Modernität, Freiheitsdrang und Überwachung, freie Marktwirtschaft und Planwirtschaft, simultan im Hier und Jetzt. Wie Pilze schießen Künstler aus dem chinesischen Boden und erobern zur Zeit den Kunstmarkt. Es gibt ganze Künstlerquartiere und Wirkungsstätten, die auf die massenhafte Ausbildung moderner Kunstinhalte ausgerichtet sind und die sich sehr von der tradierten Akademieausbildung hierzulande abgrenzen. Bezeichnend für Dziersks Technik ist das Collagieren einzelner Elemente zu einem Ganzen. Bereits 1989 lerne ich Arbeiten des Künstlers durch ein Kalenderprojekt eines Förderers der cubus kunsthalle kennen und konstatiere heute in der Rückbetrachtung, dass er bereits damals zu seinen ihm eigenen Stil, gefunden hat. Mehrere Ebenen im Bild entstehen neben einander, vergleichend mit der Objet touvé collage. Seine Bilder schildern Geschichten, erzählen von Handlungen, Ereignissen, Zitaten, Gesehenem, Gehörtem, Erlebtem, sind Bildcollagen. Keine Collagen althergebracht aus einzelnen zerschnittenen und wieder zusammengesetzten Bilddrucken der Surrealisten. Nein, bei ihm handelt es sich nicht um geklebte (coller frz. kleben) Einzelbilder, die zu einem neuen Ganzen finden. Udo Dziersk malt seine Szenen -aus vielen im Vorfeld zu einem Bild entstandenen Skizzen- auf die Leinwand. In ihrer Gesamtheit wachsen sie zusammen, werden zu einem Bild, manchmal gar zu einem Ganzen, trotz ihrer Verschiedenheit, ihrer Brüche. Udo Dziersk arbeitet im Hier und Jetzt. Er verarbeitet Ge- und Erlebtes, er arbeitet in Serien, manchmal an über 10 Bildern gleichzeitig zu einem facettenreichen Thema. Immer in Öl auf Leinwand oder im Medium der Zeichnung, der Skizze. Udo Dziersk konstruiert seine Bilder wohl überlegt. Viele Einzelskizzen sind notwendig, die nach reifer Überlegung Eingang in sein Leinwandbild finden. Es ist dann der Dialog der Farben und Formen, der den Fortgang bestimmt. Seine Bilder schildern unterschiedliche Geschichten, manche haben einen Anfang, ein Ende, manche nicht. Ines aber ist allen gleich, sie spielen sich ab zwischen den Polen, die Wilhelm Worringer einst mit Abstraktion und Einfühlung beschrieben hat. In seiner 1907 veröffentlichten Theorie stellt sich Worringer folgende Frage, die eine ganze Künstlergeneration beeinflussen sollte und die, der abstrakten Kunst und dem Expressionismus ein theoretisches Fundament bot. Unsere Beziehungen, seien es Beziehungen zu Menschen, zu Dingen oder zur Kunst, werden allzu oft durch Gefühle der Sympathie und Antipathie definiert. Aus Sympathie wird schnell Antipathie, wenn sich individuelle Bedürfnisse durch die Person, das Objekt oder das Kunstwerk nicht mehr befriedigen lassen. Beides, Sympathie und Antipathie, sind sehr egozentrische Werturteile. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts stellte der Kunsthistoriker Theodor Lipps (1851-1914)4 unter psychologischen Gesichtspunkten die Frage nach dem übergeordneten Kriterium von Schönheit. Auf der von ihm entwickelten Einfühlungstheorie, die durch Worringer5 eine Erweiterung innerhalb der abstrakten Kunst erfuhr, basieren die folgenden Gedanken, die sich auf den Schaffensprozess der Dziersken Collagentechnik bezieht. Bindend allein für das Werturteil ist für ihn die EMPATHIE, das Sich-einfühlen, in den bzw. das Andere. Erst aus dieser inneren Identifikation mit dem Gegenüber, dem Gesehenen, Erlebten, resultiert der Wunsch nach Verständigung, der Drang zum Finden einer Ethik oder eines Engagements. Ohne diese Einfühlungsgabe sind weder zwischenmenschliche Beziehungen noch Kunstschaffen und Kunstinterpretationen möglich. Daraus ergeben sich zwei Möglichkeiten im Umgang mit den täglichen Paradoxien menschlicher Existenz oder mit den unlösbar erscheinenden gesellschaftlichen Problemen: Entweder die Konfrontation mit dem Paradoxon bewirkt ein empathisches Sich-einfühlen mit dem ‚Zugleich-Richtig-und-Falschen‘, das in ein kreatives Handeln und zu neuen ethischen Maßstäben führen kann (Paradoxie-Empathie-Kreativität) oder das Paradoxon löst eine fatalistische Resignation aus, die auf eine unkontrollierbare Konsumsucht zuzusteuern droht und die einer Flucht in eine Scheinwelt gleichkommt (Paradoxie-Fatalismus-Konsum). Udo Dziersk besitzt die Gabe, sich in das Gesehene und Erlebte einzufühlen, es in seinen Bildern zu verarbeiten und es an uns, den Betrachtern weiterzugeben.
Kunst kann die Welt so wenig verändern wie Ethik. Beide, Kunst und Ethik, können nur auf sehr individuelle Weise Kommunikation bedeuten. Je individueller unsere Gesellschaft wird, desto schwieriger werden die Möglichkeiten, beides zu vermitteln. Es ist heute kaum möglich, allgemeingültige Werte für beide Bereiche zu finden. Waren früher die Religion wie auch Kunststile allgemeine Interpretationsschlüssel, so ist heute ein Kunstwerk in erster Linie das Zwiegespräch des Künstlers mit sich selbst. Seit dem 19. Jahrhundert beansprucht das einzelne Kunstwerk keine allgemeine Objektivität mehr. Inwieweit jedoch subjektive Aussagen von Künstlern es vermögen, aus ihrer Privatheitlichkeit herauszutreten und auf den Betrachter überzuspringen, sich in ihm sozusagen fortzusetzen, das unterscheidet eine gelungene von einer nicht gelungenen Arbeit. Auch dies ist primär ein Prozess von Ursache und Wirkung, der auf der Einfühlungsgabe des Betrachters basiert. Sich auf Udo Dzierks Malerei einzulassen bedeutet, sich auf die Reise zu machen. Eine Reise in unterschiedliche Ebenen, Räume und Realitäten, die zu einer distanzierten, intellektuellen Auseinandersetzung mit den oben angesprochenen Themen führt, gleichzeitig aber auch ein Sich-einfühlen zulässt und so im Idealfall zu einer inneren Reise des Betrachters werden kann.

Literaturverzeichnis:
1 Baudrillard, Jean „Die fatalen Strategien“, 1984
2 Schmitt, Jochen Paul „Die Wucherung und das verlorene Maß“ in: Kunstforum International Bd.111, S. 70-72
3 Bianchi, Paolo „Postmoderne“ in: Kunstforum International Bd.106, S. 82
4 Lipps, Theodor „Ästhetik. Psychologie des Schönen und der Kunst“ 2 Bände, Voss, Hamburg, 1903
5 Worringer, Wilhelm „Abstraktion und Einfühlung“ Piper, München, 1907