Heinz-Josef Klaßen . Fotorealist . Fotograf . Bildhauer. 19.09.2020 – 22.11.2020

Als einem der ersten Farbfotografen und fotorealistisch arbeitenden Künstler widmet die cubus kunsthalle Heinz Josef Klaßen diese Ausstellung über sein Lebenswerk zu seinem 84-jährigen Geburtstag.

Zur Ausstellungseröffnung am Samstag, dem 19.9.2020 um 18h laden wir Sie herzlich ein. 

Bezugnehmend auf die geltenden Pandemieverordnungen und  aufgrund der begrenzten Personenzahl, bitten wir Sie, sich unter info@cubus-kunsthalle.de anzumelden, einen Ausdruck Ihrer digitalen Einladung mit Ihrer Adresse zu versehen oder die postalisch an Sie gesendete Einladungskarte beim Einlass an der Information abzugeben, damit sich Kontakte nachvollziehen lassen. Bitte bringen Sie Ihren Nasen-Mundschutz mit und beachten Sie die Abstands- und Hygienevorschriften. 

Die Ausstellung ist geöffnet fr-so 14-18h und nach Vereinbarung unter 0170 – 44 11 918.

Mit dem Begriff der künstlerischen Farbfarbfotografie verbinden wir heute einen großen Namen: den von Andreas Gursky. Mit seinem ersten veröffentlichten Farbfoto, einem farbfotografisch festgehaltenem E-Herd, erregt er im Jahr 1980 Aufsehen und sollte damit in die Analen der Kunstgeschichte eingehen. Bereits 10 Jahre zuvor, indes, fotografiert bereits Heinz-Josef Klaßen munter Flaschen- und Getränkeautomaten – damals für die Kunst völlig verpönt: in Farbe. Erste Farbfotografien sind bereits für 1959 belegt. In dieser Zeit wurde die Farbfotografie nur in ihren angewandten Bereichen, z.B. der Grafik und Werbung verwendet, in der Kunst war allein die schwarz/weiß Fotografie angesagt. Klaßen verwendet die Farbfotografie nicht in dem Bewusstsein damit Fotografiegeschichte zu schreiben, nein, er tut es auf der Suche nach Motiven. Motive für seine Gemälde. Das Farbdiapositiv allein versetzt ihn damals als Maler in die Lage, großformatige Motive auf die Leinwand zu projizieren, um fotorealistisch zu arbeiten. Klaßen ist damit nicht nur einer der ersten Künstler, der die Farbfotografie für die Kunst entdeckt, er ist auch einer der ersten fotorealistischen Maler in Deutschland.

Seine Wurzeln hat der Fotorealismus zur gleichen Zeit in den USA. „Diese Bilder von Bildern, in Öl oder Acryl, mit Pinsel oder Spritzpistole angefertigt, wurden erstmals 1970 im New Yorker Whitney Museum of American Art gezeigt, in Europa gilt die documenta 5 als erste große Gruppenschau des Fotorealismus. Unter dem Motto »Befragung der Realität – Bildwelten heute« präsentierte die Kasseler Kunstausstellung, 1972 geleitet von Harald Szeemann, die neu aufkeimende Stilrichtung – und verhilft ihr, zu internationalem Durchbruch. In der Mitte der 1970er-Jahren folgten weltweit über 100 Ausstellungen, zahlreiche Kritiken und Kommentare erschienen in Zeitungen und

Zeitschriften über die überaus naturalistische, wirklichkeitsnahe Kunst.“ (aus: Hatje Cantz Verlag, Magazin Künstler & Kunstlexikon).
Der New Yorker Galerist Louis K. Meisel führt bereits 1969 den Begriff Fotorealismus in den USA ein. 1972 stellt er fünf Kriterien auf, die ein Maler, hier geht es um Künstler in den USA, mitbringen muss, um als Fotorealist zu gelten: Der Fotorealist nutzt die Kamera zur Bildfindung. Er verwendet mechanische Mittel, um die Informationen auf die Leinwand zu übertragen. Er muss seine Arbeit fotografisch erscheinen lassen und bis 1972 als Fotorealist ausgestellt haben sowie sich mindestens fünf Jahre lang der Entwicklung und Ausstellung fotorealistischer Arbeiten gewidmet haben. – Die ersten fotorealistischen Bilder von Heinz-Josef Klaßen stammen von September 1970. Also zwei Jahre vor der Dokumenta V, die den Fotorealismus erstmalig in Deutschland bekannt machte. Inspiration findet der Künstler in der amerikanischen Pop Art. Als die Dokumenta im Jahr 1972 startet, kann er bereits auf 30 fotorealistische Arbeiten verweisen. Dem Umstand, dass in Deutschland das Bekanntwerden dieser völlig neuen Kunstrichtung zeitverzögert zu den USA sattfindet, mag es geschuldet sein, dass Klaßens erste Ausstellung mit fotorealistischer Kunst im Oktober 1973 stattfand. Dies, am Rande bemerkt in Duisburg, in dem ehemaligen Iduna Versicherungshaus an der Düsseldorfer Straße, wenige Schritte von der cubus kunsthalle entfernt. Damit erfüllt Klaßen alle fünf von Meisel aufgestellten Voraussetzungen, um als Fotorealist geführt zu werden.

Der 1936 in Meppen (Ems) geborene Heinz Josef Klaßen fotografiert ab 1970 in Essen, Duisburg und Umgebung. Die Aufnahmen entstehen ausschließlich auf Farbpositivfilm und dienen ihm als Vorlagen für seine fotorealistischen Gemälde. Die damals aufgenommenen 500 Diapositive werden 2015 von Klaßen wiederentdeckt, digital restauriert und in unterschiedlichen Formaten, meist in Din A3 und Din A4 auf dem eigenen Drucker ausgedruckt. Dabei helfen ihm seine Malereien, die die einstigen Farben der Fotoausdrucke bis heute konservieren, die Farben der längst verblassten

Diapositive wieder zum Leben zu erwecken. Anhand der Malereien gelingt es ihm heute, die Farben der eingescannten Dias im Fotoausdruck computergestützt zu rekonstruieren. Dies dürfte ein einmaliger Vorgang sein: nämlich die Farbwiederherstellung des Original Dias, anhand der Malerei, für die es einst Pate stand! Vor diesem speziellen Hintergrund dürften Klaßens restaurierte Fotoarbeiten auch im Hinblick auf die Gründung eines Restaurierungszentrums in NRW von großem Interesse sein.

Die Farbe in seinen Werken ist ein wichtiges Kriterium sowohl in Klaßens Fotografien als auch in seiner Malerei. Zeigen seine Arbeiten doch, die lebendige Farbigkeit des Ruhrgebiets, das niemals nur grau oder in schwarz/weißen Fotoerinnerungen weiterleben sollte. In dieser Farbigkeit wird bereits damals die heutige Idee vom grünen Ruhrgebiet quasi visionär und seismografisch vorweg genommen.
Dabei inszeniert Klaßen gekonnt den Alltag des Ruhrgebiets der 1970er Jahre, ohne die industrielle Arbeit in den Fabriken, an den Hochöfen oder im Untertage Kohleabbau zu thematisieren. Ihn interessieren vielmehr Sonntagsspaziergänge mit den Kindern, Straßenszenen, Reklame, bunte Schaufensterauslagen & -puppen, Bahnübergänge, Baustellen, freie Flächen, Abbruch und Umbruch, Tankstellen, Brachen, innerstädtische Einöden und von Neon erleuchtete bunte Nachtszenen. Vieles erinnert an US-amerikanische Großstädte. In seinem Werk leben die 1970 Jahre wieder auf und lassen die älteren Betrachter in Erinnerungen schwelgen. Man erinnert sich gerne daran, als das Benzin noch 55,9 Pfennige pro Liter gekostet hat und Straßenbahnen als bewegte Werbeflächen die Straßen querten. „Auch „selbst tanken“ kommt damals erst so langsam in Mode. Heute ist der Tankwart fast nicht mehr existent.“, schreibt der Westen über eine seiner wenigen Ausstellungen. Wahlplakate, wie das der SPD, auf dem der damalige NRW Landesvater Heinz Kühn und der junge Helmut Schmidt den Slogan „Den Aufschwung wählen“ proklamieren, dokumentieren einerseits den damaligen Zeitgeist, spannen aber auch einen Bogen bis hin zur heutigen Realität. Andere Plakate, wie die mit dem ewigen Cowboy der rot-weißen Zigarettenmarke oder die, mit dem braungebrannten Model, das für Delial Sonnencreme wirbt, sind gänzlich aufgrund der bekannten gesundheitlich verursachenden Schäden aus dem heutigen Stadtbild verschwunden. Viele seiner ausgewählten Orte gibt es nicht mehr, sind im Zuge der urbanen Entwicklung der Stadtplanung zum Opfer gefallen. Vor diesem Hintergrund haben heute seine Fotografien auch einen außergewöhnlichen dokumentarischen Wert. Manche Motive von Häuserkulissen, Parkplätzen, Unterführungen und Bahnübergängen existieren noch und haben sich kaum verändert. Die vereinzelt auf ihnen zu sehenden Menschen verunsichern jedoch den Betrachter. Kleidung und Aussehen passen einfach nicht ins Heute. Manchmal ist es die Kleidung, oder eine Werbung, der Name einer Firma, oder ein Automodell, das den Bruch hervorruft. Und dann kommt dieses Aha Erlebnis, das die Arbeiten zeitlich einordnet und so einzigartig machen.
Dem Künstler geht es indes in erster Linie immer um eine bildnerische Auseinandersetzung, sowohl beim Fotografieren als auch beim Malen. Er erschafft eine eigenständige Bildwirklichkeit, die aus der konstruktiven Gesetzmäßigkeit und subjektiven Befindlichkeit erwächst. Die fehlende pessimistische Grundstimmung, aber auch die technisch anspruchsvolle Malkultur der Werke kann durchaus als Reverenz an die ursprünglichen Objekte gesehen werden, die zu ihrer Zeit in ihrer Werthaltigkeit Leben und Arbeit für die Menschen bedeuteten. Deutlich wird auch, vom heutigen Standpunkt aus betrachtet, wie das Nützliche und Geschätzte sich schnell als unzeitgemäß und nicht mehr brauchbar erweist und dann im Zuge der Zeit in Vergessenheit gerät.
Klaßen hat – auch wenn er fotografiert – immer den Blick und die Motivauswahl eines Malers. Dieser „malerische Blick“ auf den Bildausschnitt, die Spannung zwischen dem Dargestellten, die Gewichtung des Vorder- und Hintergrunds, all dieses Wissen des Malers, zieht sich wie ein roter Faden durch sein fotografisches Werk. Kein Wunder, er macht ein Foto, nur von dem, was er malen würde. Dabei darf

nicht vergessen werden, dass es damals noch keine computerunterstützte Bildbearbeitungsprogramme gibt.

Die Ausstellung in der cubus kunsthalle, duisburg zeigt vier Bereiche seines künstlerischen Schaffens. Die fotorealistische Malerei, die Fotografie, die längst im Oeuvre Klaßens aus ihrem Motiv festhaltenden Zweckdasein befreit zur eigenständigen Form der künstlerischen Auseinandersetzung gefunden hat, die Holzbildhauerei und die -im Zuge der Ausstellungsvorbereitung von ihm wieder entdeckten- Zeichnungen.

Das zeichnerische Werk verfügt über sehr frühe Kinderzeichnungen, zahlreiche Skizzenbücher, Hunderte von Einzelskizzen, Feder-und Farbstiftzeichnungen sowie Tempera-und Aquarellarbeiten in verschiedenen Formaten von 1960 bis in die achtziger Jahre. Sie sind von erstaunlicher Sensibilität, Fantasie, Variabilität und Freiheit. Klaßen selbst bestätigt, dass ohne diese Arbeiten seine fotorealistische Malerei in Öl sowohl in dem Größenformat als auch der Qualität nach überhaupt nicht möglich gewesen wäre.
Dem gegenüber steht seine Holzbildhauerei, als eine eigenständige, sich formal und inhaltlich völlig abgrenzende künstlerische Auseinandersetzung. Hier geht es nicht mehr um naturalistische, visuelle und um optische Umsetzungen von Sein und Schein. Sie geben nicht vor, etwas anderes zu sein, als sie sind. Holz mit aufwendig bearbeitenden Oberflächen, Falten, Kerben, Einschnitten. Hier geht es nicht mehr um die Optische Illusion, sondern um real und haptisch Begreifbares, und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Die Skulpturen laden geradezu dazu ein, angefasst zu werden. Ihren Oberflächen möchte man sich sinnlich annähern und: dies ist sogar erwünscht und auch erlaubt!

Mit dieser Ausstellung möchte die cubus kunsthalle dem künstlerischen Schaffen Heinz Josef Klaßens Ehre erweisen, der eine wahre Entdeckung für die Kunstwelt ist. Zeigt sie doch das noch weitestgehend unbekannte umfassende Oeuvre eines Künstlers, dessen nun 84 Jahre langes Leben immer um die Kunst und ihre Vermittlung kreiste.

Heinz Josef Klaßen studierte Kunsterziehung und Philosophie an der Kunstakademie Mainz und war 1966 bis 2000 neben seiner künstlerischen Tätigkeit Lehrer am Alfred-Krupp-Gymnasium in Essen. 2019 übernimmt das Fotoarchiv des Ruhrmuseums rund 300 Kleinbild- und Mittelformat-Dias, um damit das Essen der 1970 – 80 er Jahre zu dokumentieren. Bis Ende September läuft noch die Ausstellung „Die weite Stadt“, die hausinterne Ausdrucke der archivierten Fotografien des Künstlers zeigen im Ruhr Museum Zeche Zollverein.

Ab August 2020 zeigt der Kunstkiosk in Essen Heisingen, dem Ort an dem Klaßen wohnt und arbeitet, Auszüge des Künstlers aus seinem fotografischen Werk.

Die Ausstellung in der cubus kunshalle, duisburg beginnt am 19.9.2020 pünktlich zu seinem 84. Geburtstag.

Verfasst von der Kunstwissenschaftlerin: Dr. Claudia Schaefer

Abb.
„Wahlplakat Essen“, Farbdia, April 1975, Pigmentfarbdruck, 2020 Heinz Josef Klaßen/ Fotoarchiv Ruhr Museum