Thomas Baumgaertel – Phoenix aus der Asche

22.1. – 14.3.2010


Eine Banane

Der 1960 in Rheinberg geborene Thomas Baumgärtel ist vielen bekannt unter dem Namen „Bananensprayer“. Seit über 20 Jahren markiert er weltweit Kunststandorte mit seinem Markenzeichen und verbindet so die Metropolen dieser Welt, unter denen sich auch Duisburg zählen darf.

Darüber hinaus ist Thomas Baumgärtel auch ein international beachteter bildender Künstler.
Mit spektakulären Kunstaktionen mischt er sich ein, setzt Zeichen, die für Irritationen sorgen, provoziert mit hintergründigem Humor und auch dies nicht selten mit einer Banane. Neben den Projekten und Aktionen ist Baumgärtel aber auch Maler und Spayer.

In einer Einzelausstellung gibt die cubus kunsthalle einen Einblick in sein malerisches Schaffen, möchte jedoch auch seinem jüngsten Projekt „100 Bananen für das Ruhrgebiet“ Rechnung tragen. So soll der zu diesem Projekt entstandene Bildband im Rahmen der Ausstellung vorgestellt werden.

Mit Duisburg verbindet den mittlerweile in Köln lebenden Künstler viel. Vom niederrheinischen Rheinberg aus gesehen, in der Baumgärtel seine Jugend verbrachte, war Duisburg die nächst größte Stadt, in die es ihn nicht selten zog. 2001 realisiert Baumgärtel ein Fassadenwandbild in Duisburg- Ruhrort, Karlstr. 28, dem Firmenhaus des Sammlers Dieter Siegel.


 

http://www.phoenix-aus-der-asche.de/

 

 

 

Projektbeschreibung

Andrea Bender Kalender 2010

Kalender 2010

Andrea Bender

 

Das diesjährige Kalenderprojekt, das jährlich von der Gemeinschaftspraxis Dr. Dabir Dr. Meininghaus, Förderer der cubus kunsthalle, unterstützt wird, ist der Duisburger Künstlerin Andrea Bender gewidmet. Wir freuen uns, den Kalender im Rahmen des Duisburger Kunstmarkts vorstellen und zum Preis von 25 € anbieten zu können. Der Erlös aus dem Kalenderverkauf hilft die Kosten des Kunstmarkts zu decken.

 

So irre und so geistgestört. Der Uhu schreit, der Hirsch, der röhrt.

(Grinsekatze aus Alice im Wunderland)

 

Dass das Jahr 12 Monate hat, bedarf unserer aller Zustimmung. Wir hätten uns auch auf 4 Monate einigen können. Vier Monate, passend zu den Jahreszeiten. Die zwölf Monate sind indes längst zur Realität geworden, und diese anzuzweifeln, ist uns in der realen Welt kaum möglich. Trotzdem sei uns die Frage erlaubt, ob die Realität eine feste Größe darstellt, in die wir uns einfügen, oder ob sich die Realität nach unserer Vorstellung formt? Ist uns kalt, weil es Winter ist, oder ist es Winter, weil uns kalt ist? Sind wir klein, weil alle Anderen so groß sind, oder sind alle die Anderen so groß, weil wir so klein sind? Vielleicht hat ja jeder Mensch, hat jedes Alter seine eigenen Realitäten und Wirklichkeiten. Das Kind, das noch nicht weiß, und der Greis, der schon wieder vergessen hat, alle geben ihre Zustimmung zu dem, was gerade momentan ihre Realität und Wirklichkeit ausmacht und damit zu ihr wird. Realitäten verändern sich, sie kippen beizeiten, und gerade dies macht unser Leben so ambivalent, macht manches so unbegreifbar. Was für den Einen Traum ist für den Anderen Wirklichkeit – und manche Wahrheiten lassen sich, so paradox es sein mag, besser durch Träume beschreiben und begreifen.

Andrea Benders Malereien greifen dieses „Nichtgreifbare“ thematisch auf. Durch ihren Inhalt und ihre Malweise. Letztere ist dadurch gekennzeichnet, dass mehrere Gattungen simultan zusammenfließen: Aquarell, Zeichnung, Malerei. Ihre Malerei besteht in dem Zusammenspiel, pendelt hin und her zwischen den Polen, will weder das Eine noch das Andere sein, ist durch Definitionen nicht eindeutig greifbar. Die Farbe mal fließend, mal pastos, dann lasierend, und dann wieder so dick, dass ein Relief entsteht. Andrea Bender lenkt damit den Blick des Betrachters auf das Wesentliche. Wie ein Regisseur, der seine Figuren auf der Leinwand agieren lässt. Andrea Bender thematisiert das „Nichtgreifbare“ aber ebenfalls durch die Inhalte Ihrer Erzählungen.

Für das Kalenderprojekt wählte sie erstmalig eine vorhandene Geschichte aus, die sie zu den 12+2 Kalenderblättern inspirierte: Alice im Wunderland. Kaum eine andere Geschichte fügt sich thematisch so stringent in die  Bildwelt der Künstlerin ein. Paradoxien und Absurditäten, Skurriles und Sarkastisches, sich verändernde Raum- und Größenrelationen, Gesellschaftskritik und das Hinterfragen ihrer Normen und Gesetze, Realität und Traum, das Kippen von Zuständen und der Balanceakt des Aufrechterhaltens, schlechthin die Ambivalenz des Seins oder Scheins, all diese Themen haben wir bereits im Oeuvre der Künstlerin kennen gelernt, doch nun scheinen sie auf ihre prädestinierte Hauptdarstellerin, ja Protagonistin, zu treffen: Alice. Die Figur Alices muss man nicht mögen, sie ist zwar Heldin der Kalenderblätter, jedoch  keine wirkliche Sympathieträgerin. Ambivalent eben, wie so vieles, dem wir in den eindrucksvollen Kalenderblättern zu Alices Reiseetappen begegnen.

Eng an der Geschichte des aus 12 Kapiteln bestehenden Buches von Lewis Carroll trifft Alice in Benders erstem Kalenderblatt ein weißes, rennendes Kaninchen mit roter Weste, das ständig auf seine Uhr blickt, weil es zu spät dran ist. Sie folgt ihm neugierig. (Januar)

Sie stürzt in den Bau und fällt lange durch ein Loch hinab in eine unterirdische Welt, in der sie durch diverse Getränke und Lebensmittel des öfteren ihre Größe verändert. Bender thematisiert dies u.a. im Aprilbild, wenn Alice ein Haus mit ihrer Körperfülle gänzlich ausfüllt und das Kaninchen in ihrer aus dem Fenster gestreckten Hand hält oder im Februarbild, als Alice droht – auf ein Minimum an Größe geschrumpft – in ihren eigenen Tränen zu ertrinken.

Auf ihrem Weg begegnet Alice den unterschiedlichsten Kreaturen und erlebt manches abstruses Abenteuer, wie eine Tierkonferenz – in Benders Märzbild.

Die dortigen (und die späteren) Gespräche zwischen Alice und den Tieren zeigen typischen Nonsense-Charakter. Die Gesprächspartner befinden sich, von ihrer eigenen Logik ausgehend, auf unterschiedlichen Ebenen, die sie auch nicht mehr verlassen. Eine charakterliche Weiterentwicklung findet nicht statt, stattdessen drehen sich die Unterhaltungen im Kreis, kommen zu keinem Ergebnis und hinterlassen nicht nur bei den handelnden Personen, sondern auch beim Leser Stirnrunzeln. Im Verlaufe des Buches trifft Alice die rauchende Raupe auf dem Pilz (Mai), die ein Gespräch mit der gleichen Frage: „Wer bist du?“ beginnt und beendet – ein kreisendes Gespräch, das sinnlos erscheint. Die Raupe erzählt ebenfalls von dem Mann, der einen Aal auf seiner Nase balanciert, zu sehen in Benders Junibild.

Absurde Bilder folgen aufeinander so z.B. ein grausames Ritual zwischen Töpfen und Pfannen, die Luft ist pfeffergeschwängert, ein Baby schreit, Alice nimmt es in den Arm, versucht es zu beruhigen und es verwandelt sich in ein Ferkel.(Juli) Auf dem Ofen sitzt eine bis über beide Ohren grinsende Lachkatze:(Cheshire Cat).
Weiter geht es mit der Grinsekatze, die den Weg zur verrückten 5 Uhr Teegesellschaft, bestehend aus dem Hutmacher (Hatter), dem Märzhasen (March hare) und einer schlafenden Haselmaus (Dormouse), weist (August).

Hier sind Kenntnisse von englischen Sprichwörtern nötig, die da lauten: „To be as mad as a hatter“ = völlig verrückt sein, „as mad as a March hare“ bedeutet das gleiche aufgrund des aufgedrehten Verhaltens der Hasen zur Paarungszeit im März… Die Teegesellschaft befolgt die strengen Regeln des Wunderlands, wohl wissend, dass bei Widersetzung hohe Strafen drohen. Bei ihrem letzten Umdrehen während des Verlassens der Teegesellschaft sieht Alices indes, dass der Hutmacher gemeinsam mit dem Märzhasen die Haselmaus zu ertränken versuchen. Strenge Regeln, die jedoch bei Übertretung keine Konsequenzen zu haben scheinen.

Im nächsten Bild, das dem September zugeordnet ist, trifft Alice auf drei Gärtner, die damit beschäftigt sind, weiße Rosen rot anzumalen. Alice fragt nach dem Grund, und sie erzählen ihr, dass sie versehentlich einen weißen Rosenstock pflanzten und deshalb befürchten, auf Befehl der Königin geköpft zu werden. Schon naht ein feierlicher Spielkarten-Zug mit dem König und der Königin, und sobald die Königin die drei Gärtner entdeckt, ruft sie: „Kopf ab!“

Alice will sie zunächst auch den Kopf abschlagen lassen, aber dann befiehlt die Königin dem Greif, Alice zur Suppenschildkröte zu bringen, damit diese dem Mädchen ihre Geschichte erzählen kann. So hört Alice erstmals von der Hummerquadrille am Strand. Bender fasst diese Begegnungen sowie das Treffen zwischen Alice und der krocketspielenden Spielkartenkönigin, deren Schläger Flamingos und deren Bälle Igel sind, in ihrem Oktoberbild zusammen und gibt uns den Hinweis darauf durch einen falschen Suppenschildkrötenarm mit dem der Schläger gehalten wird.

Als Alice und der Greif zurückkommen, findet eine Gerichtsverhandlung statt. Angeklagt ist ein Bube. Richter ist der König. Der König verlangt schon zum wiederholten Mal, dass die Geschworenen endlich ihr Urteil fällen, aber die Königin will, dass vor der Urteilssprechung die Hinrichtung stattfindet. Das hält Alice für Unsinn und sie protestiert, worauf sie sich ihrem absurden Traum durch ihr Wachsen auf ihre normale Größe und durch Erwachen erzieht. Aus den Henkern werden wieder normale Spielkkarten. (November)

Andrea Bender endet Ihre Bilderfolge mit der Begegnung von Alice und der Grinsekatze, deren Lächeln in ein Grinsen umschlägt, das über allem steht. Dies Grinsen evoziert zwar einen Schlusspunkt, bietet jedoch kein Happy-End, es verweist vielmehr den Betrachter auf sich selbst und überlässt ihn sich selbst und seiner Interpretation. (Dezember)

 

Keine leichte Kost, denn so wie Alice im Wunderland zur englischen Nonsense-Literatur zählt, so sind auch den Arbeiten Benders mit der Logik unserer realen Maßstäbe nicht zu erfassen.
Logik scheint außer Kraft gehoben, Proportionen verschwimmen, was sich zum Beispiel im ständigen Wachsen und Schrumpfen äußert, und die Fabeltiere verlieren sich (im Buch) in sinnlosen Sprachspielen, wo sie häufig aneinander vorbeireden. Manche Buchinterpretationen gehen sogar in ihrer Deutung noch weiter: „Alice“ sei ein frühes Werk der Moderne aufgrund der Zerstörung aller Konventionen, ein Vorläufer des Surrealismus oder sogar des Dadaismus, usw… Gewisse Passagen erinnern an „Warten auf Godot“, handeln von der Absurdität jeglicher menschlicher Regeln und Logik. Dennoch enthält Alice im Wunderland bei allem Nonsense eine hohe Kritik an gesellschaftlichen Zuständen, die der Autor Caroll damals 1865 vorfand. Das „Kopf-ab“-Verhalten der Herzkönigin scheint sich direkt auf die als herrisch und unfreundlich bekannte Königin Viktoria zu beziehen. Ziemlich deutlich ist die Kritik an den Zuständen des Justizwesens (nicht umsonst geht die Verhandlung im absoluten Chaos unter) an dem vollkommen veralteten Erziehungssystem, sowie an strengen dogmatischen Verhaltensgrundsätzen. Letzten Endes ist die verrückte Teegesellschaft auch als Spitze gegen die elitäre englische Oberschicht zu verstehen, deren Autorität und dem sinnlosen Befolgen von strengen Regeln.

 

Andrea Bender schafft es, das berühmte Werk inhaltlich in eine Malerei zu übersetzen, die es inhaltlich ins Heute hinüberrettet. Ihre 12 + 2 Arbeiten illustrieren nicht das literarische Werk Carolls, wie einst der britische Zeichner John Tenniel, sondern sie interpretieren es mit ihrer eigenen Sprache als Künstlerin. Sie geben nicht nur den fantasievollen Literaturfiguren ein Gesicht und eine Form, sondern sie überführen viel mehr die im Kreis geführte Logik und die zusammenbrechende Realität auf eine Ebene, auf die der Betrachter – seinen Erfahrungen gemäß – selbst entscheiden kann, ja muss, was für ihn real oder grotesk ist, was Traum, was Wirklichkeit.

 

Dr. Claudia Schaefer

cubus kunsthalle, duisburg

Thumb for 800px_aal.jpg (178 KB)Thumb for 800pxferkel.jpg (154 KB)Thumb for 800pxflamingo.jpg (151 KB)Thumb for 800pxgrinsekatze.jpg (141 KB)Thumb for 800pxhase_uhr.jpg (179 KB)Thumb for 800pxhaus.jpg (155 KB)Thumb for 800pxhutmacher.jpg (141 KB)Thumb for 800pxkartenspiel.jpg (161 KB) Thumb for 800pxpilz.jpg (174 KB)Thumb for 800pxrosenbaum.jpg (141 KB)Thumb for 800pxsternenhimmel.jpg (128 KB)Thumb for 800pxtierkonferenz.jpg (166 KB)Thumb for 800pxtraenensee_neu.jpg (140 KB)Thumb for 800pxtuer_oeffen.jpg (163 KB)

 

 

Duisburg an der Wand

KUNST ÜBER DUISBURG

10.OKTOBER BIS 12.NOVEMBER 2009

Kunst ueber Duisburg

EINE AUSSTELLUNG MIT ARBEITEN VON UNTER ANDEREM

Holger Albertini,
Petra Anders ,
Regina Bartholme,
Andrea Bender,
Sigrid Beuting,
Stacey Blatt,
Christina Böckler,
Klaus-Dieter Brüggenwerth,
Chinmayo,
Jochen Duckwitz,
Annette Erkelenz,
Susan Feind,
Martin Gensheimer,
Manfred Gliedt,
Jürgen Gromoll,
Fritz Josef Haubner,
Andy Hellebrandt,
Friederike Huft,
Bernd Jußenhoven,
Michael Kiefer,
Evangelos Koulouwitakis,
Barbara Koxholt,
Renate Krupp

ZUR ERÖFFNUNG AM 9:OKTOBER 2009 UM 19:00 UHR SIND
SIE UND IHRE FREUNDE HERZLICH EINGELADEN.


ES SPRECHEN DR.CLAUDIA SCHAEFER (
cubus kunsthalle) UND
ANDREAS BENEDICT (STIFTUNG WILHELM LEHMBRUCK MUSEUM).


cubus-kunsthalle   10.OKTOBER BIS 12.NOVEMBER 2009
   FRIEDRICH-WILHELM-STR.64, 47051 DUISBURG
   MI. BIS SO. VON 14:00 BIS 18:00 UHR

 

  GEFÖRDERT DURCH DEN KULTURBEIRAT DER
STADT DUISBURG.

  

 

 

Rheinbrücke – rhein gegenständlich

rhein gegenständlich

Hugo Boguslawski – Matthias Brock – Min Clara Kim – Elizabeth Weckes

21.8. – 27.9.2009

 Weitere Ausstellung (2009) und weitere Info

Kuenstler

Die cubus kunsthalle zeigt vom 21. August 2009 an eine Ausstellung der Künstlergruppe RheinBrücke.

Die vier Maler aus Düsseldorf und Köln widmen sich in ihren großformatigen Bildern der Darstellung der Wirklichkeit, indem sie sich dezidiert auf die Komplexität des Sichtbaren einlassen. Es entstehen Bilder, deren affektive Kraft für sich steht. Gleichzeitig eröffnet die Sensibilität der Malerei geistige und seelische Räume, die in den Tiefen des Sichtbaren Unsichtbares offenbar werden lassen.

Dabei werden innerhalb der Gruppe vier unterschiedliche Ansätze verfolgt. So steht Min Clara Kim für einen reduzierenden Stil, in dem sie durch Vereinfachung der Sujets nach Symbolgehalt und universeller Formensprache forscht. Hugo Boguslawski steht für eine abstrahierende, die Bildelemente in all-over-Manier rhythmisierende, strukturelle Tendenz. Elizabeth Weckes verfremdet und arrangiert ihre Motive im Sinne einer surreal aufgeladenen, phantastischen Bildwelt. Matthias Brock bedient sich der Sujets Stilleben und Landschaftsbild und kehrt die sensuellen Qualitäten und Stofflichkeiten der Dinge hervor.

Die Ausstellung, die auf 700 qm einen spannenden Querschnitt der Arbeit der RheinBrücke zeigt, läuft bis zum 26. September.

 

Alle vier Künstler haben an der Kunstakademie Münster in der Malklasse von Prof. Hermann-Josef Kuhna studiert. Min Clara Kim und Hugo Boguslawski betreiben seit 2002 in Düsseldorf, Elisabeth Weckes und Mathias Brock seit 1995 in Köln ihre Ateliers.
Bereits seit Studienzeiten stellen die vier Maler in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland aus. Ihre Bilder sind in mehreren öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten.

 

 


Sponsoren:
ERR-Log

Sparda Bank

 

Wilfried Schaus-Sahm

Wilfried Schaus-Sahm

www.schaus-sahm.de

Ausstellung „20 von 60“ (2009)


Schaus_Sahm_Portrait

Wilfried Schaus-Sahm (* 1949)
Studium Germanistik/Philosophie/Kunstgeschichte in Aachen & Freiburg
1997 – 2008 Gründer und künstlerischer Leiter des Musikfestivals „Traumzeit“

Ausstellungen fotografischer Arbeiten

Theater an der Luegallee (Düsseldorf)
Dresdener Bank (Aachen)
Galerie „Lippis Bahnhof“ (Duisburg)
Jahresausstellung Duisburger Künstler (Wilhelm-Lehmbruck-Museum)

Lyrik

Gedichte „Beredt Sprachlos“ erschienen im Verlag M.D. Cremer (Gladbeck)
Lesung WDR innerhalb der Reihe „Lyrik in NRW“

Presse Friederike Schmahl

Duisburg

Kulturzentrum in Hochfeld ohne Kultur

VON INGO HODDICK – zuletzt aktualisiert: 15.07.2009

Duisburg (RP) Im Hochfelder Kulturzentrum „Alte Feuerwache e.V.“ wird wohl keine Kultur mehr stattfinden. Friederike Schmahl wurde im April als künstlerischer Leiterin und Haus-Regisseurin zur Mitte des Jahres gekündigt, nachdem sie schon zwei Monate zuvor aus dem Vorstand abgewählt worden war. Ein neuer Geschäftsführer soll bis Ende des Jahres mit Tagungen und Sozialprojekten schwarze Zahlen herbeiführen.
friederike_schmahl
Als „Rufer in der Wüste“, als „einzigen Kultur-Menschen, sah sich Friederike Schmahl im Vorstand des Kulturzentrums „Alte Feuerwache“. rp-foto: ralf hohl
„Ich war dort der Rufer in der Wüste, der einzige Kultur-Mensch im Vorstand“, erklärte Friederike Schmahl gestern gegenüber der Presse. Ihr „Theater der Zeit“ als künstlerische Visitenkarte des Hauses sei dort nur respektiert gewesen. Zudem sei man von Anfang an von der unrealistischen Vorstellung ausgegangen, das interkulturelle Kulturzentrum könne sich selbst tragen – sonst wäre wohl die aufwändige Renovierung gar nicht möglich gewesen. „Die haben mit 280 ausverkauften Abenden im Jahr gerechnet“, empört sich die Theatermacherin. Inzwischen wird vor allem die Gastronomie, die eigentlich das Haus tragen sollte, nicht angenommen – Ambiente und Preise erscheinen den Hochfeldern offenbar zu abgehoben.

Die Stadt Duisburg verhalte sich widersprüchlich. Einerseits wurden Mieter wie die Schulkultur und das Referat für Migration in die Alte Feuerwache gebracht. Andererseits gibt es kein Geld mehr für Veranstaltungen – und andere Geldgeber wie das Land halten sich zurück, „wenn es nicht mal der Kommune fünf Euro wert ist“ (Schmahl).

 

Wilfried Schaus-Sahm – Eröffnungsrede von Dr. Susanne Höper-Kuhn

Eröffnungsrede

20 von 60

wilfried schaus-sahm

malerei – grafik – fotografie – collage

11. bis 26. juli 2009

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Wilfried Schaus-Sahm gehört nicht zu jenen Menschen, die in einem geschlossenen Eisenbahnwagon sitzen und erst merken, dass dieser sich überhaupt bewegt, wenn er anhält oder losfährt. Er bewegt sich lieber selber mit allen Reibungen, die ein Lebensstrom von nunmehr 60 Jahren so bereithält, um das Chaos im eigenen Innern wie im Außen produktiv zu machen.

Wieder und wieder musste ich einen Anlauf nehmen, aber irgendwann erschloss sich mir dieses „Hurengebräu“. Von dem Moment an stand das Tor zu einer neuen Welt für mich offen und ich konnte mit Feuereifer nicht nur durch die Jazzgeschichte streifen, sondern fand Gefallen an afrikanischen Polyrhythmen oder Neutönern wie John Cage, Luc Ferrari, Luciano Berio.“ so Schaus-Sahm in der WAZ vom 10. März 2007, retrospektiv zu „Bitches Brew“ von Miles Davis. Ein Schulfreund hatte ihm 1970 mit einer LP von Davis über den Split der Beatles hinwegtrösten wollen. „Bitches Brew“, ein Chaos von zuweilen drei gleichzeitig spielenden Klavieren und drei Schlagzeugern, die in gegenläufigen Rhythmen spielten, verstand sich als Fusion von Rock- und Jazzelementen.

Ein ähnliches Tor zu einer neuen Welt muss Schaus-Sahm wohl ein zweites Mal aufgestoßen haben als er sich vor 20 Jahren an die Staffelei setzte und seither mit eben demselben Feuereifer sein Glück und seine Verzweiflung ohne ablenkende Motive in seinen Gemälden und Collagen, Grafiken und Fotografien zum Ausdruck bringt. Und auch ist es kein Zufall, dass seine Bilder voller Bewegung sind, dynamische Rhythmen setzt er gegen die Leere und wird so selbst zum Navigator seiner abstrakten Kompositionen, zum Dirigenten, der statt des Taktstocks den Pinsel in der Hand hält. Es ist eine leidenschaftliche und temperamentvolle Malerei, die sich allein aus der Bewegung und Gestik speist, die sein Körper in einem konkreten malerischen Prozess des Zusammenfügens und Auseinanderfallenlassens, des Werdens und Vergehens bestimmt.

Als ich Schaus-Sahm vor einigen Monaten zum ersten Mal in seinem Dinslakener Atelier besuchte, war das für mich eine Entdeckung. In der räumlichen Enge des ausgebauten Dachbodens seines Hauses standen zig Gemälde geschichtet an Regalen. Regale, in denen sich unendliche Reihungen von Büchern und CDs zu Strukturen formierten. Fotografien und Zeichnungen, Zeitungsausrisse, Schnipsel aus Zeitschriften, Schallplattencover, aufgeschlagene Bücher, auf einem gezimmerten Tischchen geordnet aufgestellte Einmachgläser mit einer enormen Menge von Pinseln, fein säuberlich sortiert. „Enge benötigt Organisation und Struktur, ein Ordnungssystem“, so sein Kommentar.

Bisher kannte ich den Namen Schaus-Sahm immer nur in Verbindung mit dem „Taumzeit“-Festival. Der Germanist, Philosoph und Kunsthistoriker, der in Aachen und Freiburg studierte, hat seit 1997 als Begründer und künstlerischer Leiter des Musikfestivals Duisburg als Sommer-Festivalstadt der Musik und Kunst international bekannt gemacht. 2008 legte er sein Amt nieder, konsequent und kompromisslos, weil ihm die politischen Einflüsse zu Lasten der Qualität des künstlerischen Konzepts zu bestimmend wurden. Nach seiner Amtsniederlegung gab sich die Politik denn auch „Beredt sprachlos“, um hier den Titel des Gedichtbands, den der Künstler herausgab, zu zitieren.

Was ich bis zu dem Atelierbesuch nicht wusste:„Traumzeit“ war nur eine Facette seines Lebens. In Anbetracht des erstaunlichen Querschnitts aus 20 Jahren seines bildnerischen Schaffens mit über 65 Arbeiten, abgesehen von den Tableaus, die sich jeweils mit bis zu 30 in CD-Hüllen montierten Zeichnungen, Fotokopien, Collagen, Ausschnitten von Gemälden, Fotografien u. a. in der Größe von jeweils 14 x 12 cm in Reihungen geradezu multiplizieren, 1000 mögen es wohl locker sein, nähern wir uns ihm als Künstlerpersönlichkeit, der seine Kunst in der Tat mit „Feuereifer“ betreibt.

Und wir sehen nicht nur in der Fülle der Formen und Ausdrucksmöglichkeiten, sondern auch in der Qualität seiner Arbeit, dass da jemand ist, der mit verve seinen eigenen künstlerischen Weg geht, unangetastet vom Schubladendenken kunsthistorischer Kategorisierungen. Er ist ein Conesseur der Kunstgeschichte, der auch aus dem reichen Material dieser Wissenschaft schöpft, aber mehr in Hinblick auf ein die „Kunst leben“, als ein „Kunst verkopfen“. Einen Verbündeten fand er in dem Duisburger Maler Prof. Manfred Vogel, der im letzten Jahr unerwartet verstarb, den er nicht nur als künstlerischen Mentor schätzte, sondern auch als Freund.

Was ist nun das Besondere an diesem Ausschnitt aus 20 Jahren des künstlerischen Schaffens, bis auf die Tatsache, dass es kaum einer wusste, was der Schaus-Sahm da so alles auf die Staffelei stellt? Eine Antwort könnte sein, dass die Arbeiten auf empathische, teils kritisch-humorvolle Art romantische Motive wie Melancholie und Sehnsucht und Methoden wie das Fragmentarische, das Ephemere und das Prozesshafte ins Spiel bringen. So durchkreuzen sie den allgemein bekannten Gegensatz von romantischer Innerlichkeit und konzeptueller Rationalität, sozusagen eine Fusion scheinbar gegenläufiger Rhythmen in einer Gesamtkomposition.

Eine andere Antwort könnte sein: Er schöpft aus dem Wissen des philosophischen Seins und fügt dieses in seinen künstlerischen Kosmos als natürliche und spirituelle Ordnung ein. Er befragt die Bildlichkeit und Abbildlichkeit des Sehens und des Gesehenen in einer Art Feldforschungsstudie zur Wahrnehmungsphysiologie und -psychologie und das in einer Welt, die sich von Bildern aus den Medien überschwemmt sieht.

Da sagen Sie, meine Damen und Herren, dass machen doch viele Künstler. Schaus-Sahm macht es aber anders: Er zeigt uns in seinen Gemälden, Collagen und Fotografien nämlich solche Teile der Wahrheit, die am nächsten die Wirkung des Ganzen hervorbringen. In der Tat eine Kunst, die uns wie durch Zauber mitten in eine Welt von Zeichen versetzt, eine Ansicht der Dinge, der Hoffnungen und Befürchtungen in dem rechteckigen Ausschnitt eines Bilderrahmens, die uns ad occuli wie in ein gegenwärtig Geschehendes hinein führt. Er ist jedoch kein Grübler, der über dem inneren Zusammenhang von Ereignissen brütete, welche letztlich die Geschichte bilden und trachtet auch nicht danach, diese zu einem Wissen verknüpfen zu wollen, sondern alles ist vielmehr da, in seiner künstlerischen Vergegenwärtigung von urwüchsiger malerischer Kraft.

Die titellosen Arbeiten, die in den frühen Jahren noch in lebensvoller Farbigkeit figurativ daherkamen, werden zunehmend von collagierten, spielerisch experimentellen Abstraktionen abgelöst. Der Künstler scheut nicht die Konsequenzen seines Vorgehens. Seine Gemälde sind vielschichtig: Linienverknüpfungen, Schraffuren, Ablösungen. Das malerische Element überwiegt und fügt sich zu bewegten abstrakten Seelen-Landschaften zusammen, in denen der Betrachter Zeichen, Fragmente von eincollagierten Alltagsmaterialien, offene und geschlossene Formen und Flächen erkennt. Es gibt Linien in diesen „Landschaften“, welche in solchen Beziehungen zueinander stehen, dass sie entweder in ein Gemälde gebracht oder aber bewusst ausgelassen werden.

Es leuchtet ein, wie gefährlich diese Methode für einen Künstler sein kann, denn eine solche Auslassung könnte auch subjektive Beliebigkeit bedeuten, lebendigste Individualisierung, die nicht nach dem Dialog sucht, sondern nach hermetischer Introversion. Doch das ist nicht das Interesse von Wilfried Schaus-Sahm. Vielmehr steht sein künstlerisches Finden in seiner Formensprache aus bewusster Reduktion für diesen Dialog als der natürlichsten Art und Weise, seine Bildinhalte dem Betrachter mitzuteilen.

In seinen frühen Arbeiten bedient er sich immer wieder der Collage-Technik, die sich letztlich durch sein gesamtes Werk zieht. Anfänglich finden sich collagierte Alltagsmaterialien wie Wellpappe, Tapetenreste, Fragmente von Papiertragetaschen etwa in seinen Gemälden, mit denen er eine Oberflächenstruktur für sein Ausdrucksanliegen schafft. Später verselbständigt sich diese Technik zu einem spielerischen Sampling unabhängig voneinander entstandener Arbeiten, nicht den Funken der Poesie vergessend, „als systematische Ausbeutung des zufälligen oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene“, wie es Max Ernst 1962 formulierte. Mit dem Sampling, einem hier von mir bewusst der Musiktheorie entliehenem Begriff, sind hier insbesondere die schmalen, stelenartigen Gemälde angesprochen, die er nach den Bedingungen des Raums, nach ästhetischen oder inhaltlichen Gesichtspunkten arrangiert. Allein in dem Zuordnen liegt ein enorm kreativer Prozess mit unendlichen Variationen von Möglichkeiten, um das Einzelne dennoch in den Sinn eines Ganzen zu überführen. Die Elemente von unterschiedlicher farblicher Tonalität und Vehemenz des Farbauftrags werden der Gesamtkomposition als sozusagen Töne oder Geräusche beigemischt. Für die Ausstellung haben im übrigen Dr. Claudia Schäfer und Evangelos Koukouvitakis in Zusammenarbeit mit dem Künstler wunderbar fusioniert, um ein stimmiges Sampling, das auch polyphone Rhythmen zulässt, abzuliefern.

Neben die Zeichnung, die Malerei setzt er die Fotografie, augenscheinlichen Bildern aus der Wirklichkeit, die bei ihm gedankliche Assoziationsketten freisetzen als Grunderfahrung des Begreifens. Er stellt die Frage nach der geistigen Genese, deren Anfang eine allgemeine Orientierung ist, aus der sich universale Begriffe und Zeichen ergeben, die als solche, unabhängig von der Sozialisation des Betrachters, „lesbar“ werden können in einer archetypischen Bilderschrift. Eine Bild-Schrift, die in einer Schwebelage zwischen Abstraktion, nichtnaturalistischer Gegenständlichkeit, teils auch phantastischer ,teils ornamental gebundener Figürlichkeit als ein Spiel mit den Facetten unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit aufscheint. Dieses Spiel mit Fragmenten der Wirklichkeitswahrnehmung setzt Schaus-Sahm fort, indem er kleinformatige Zeichnungen, die ad hoc und spontan entstehen, Ausschnitte eigener Gemälde, u. ä. in Tableaus anordnet, die aus CD-Hüllen bestehen – wie bei einem Drucker, der die Lettern in seinem Setzkasten anordnet, fügt sich nun wiederum das Einzelne zum Ganzen in einer geordneten Struktur, zu einer „Weltanschauung“, in einer Art Assoziagramm, auch mindmap genannt. Die Tableaus dürfen als solche bezeichnet werden, dienen sie doch der Erschließung und der visuellen Darstellung eines Themengebiets bzw. einer Ideensammlung, oder erscheinen gar wie Mitschriften.

Nach dem Prinzip der Assoziation hilft eine mindmap, Gedanken frei zu entfalten und die Fähigkeiten des Gehirns zu nutzen. Wie funktioniert das bei Schaus-Sahm? Zumeist findet sich in der Mitte der Tableaus das zentrale Thema in Form eines Bildes, entsprechend etwa der Kapitelüberschrift eines Buches. Daran schließen sich die Hauptlinien mit organischen dick oder dünn auslaufenden Hauptlinien an, die jeweils für einen Schlüsselbegriff verwendet werden. Daran setzt Schaus-Sahm dünner werdende Zweige an und, unter Verwendung von Buchstaben ähnlichen Zeichen, eine zweite und dritte, sowie weitere Gedankenebenen, sozusagen Unterkapitel. Bildelemente oder persönliche Codes ermöglichen es nun Querverbindungen herzustellen. Die Assoziagramme von Schaus-Sahm sind mit viel Kreativität und zuweilen humorvoll umgesetzt. Wesentlich ist festzustellen, dass das Assoziagramm beendet ist, wenn es der Künstler beschließt – theoretisch könnte es ins uferlose wuchern, wie die Reihungen an den Wänden andeuten – und theoretisch kann natürlich jedes enthaltene Bild und Zeichen Mittelpunkt eines neuen Tableaus werden, da die assoziativen Fähigkeiten unbegrenzt groß sind, also mit Anfang aber ohne Ende.

Schaus-Sahm geht konsequent seinen künstlerischen Weg von einer von Farbinseln in Chiffren informeller Struktur- und Texturgebung gebundenen Malerei hin zu einer Ausdrucksform, die zwar an die Zeichenhaftigkeit des Vorherigen anknüpft, durch die Assoziagramme hindurch, nun durch Auslassungen umso stärker, konfrontierender aufscheint. Beim Schwarz-weiß-Bild konzentriert sich das Sehen auf das Zeichen, die Linie, die Form, ohne ablenkende Umwege, und setzt es dem Ansturm unserer farbigen Bildwelt entgegen. Ungewöhnlich die Rahmung. Die Leinwände auf Keilrahmen aufgezogen, setzt er in eine Art verglaster Schaukästen, zu interpretieren als eine Erweiterungsform der Rahmung kleinformatiger Arbeiten in CD-Hüllen.

Ausgehend von der Suche des Künstlers nach einer Verschriftlichung von Wirklichkeit mit den Mitteln der bildenden Kunst erscheint in seinem Gesamtwerk die Fotografie als notwendiges Pendant zur Malerei. Oder, um mit Walter Benjamin zu sprechen: „Nicht der Schrift-, sondern der Fotografie-Unkundige wird der Analphabet der Zukunft sein“. (aus: Kleine Geschichte der Photographie). In einem selektiven Wahrnehmungsverfahren fotografiert Schaus-Sahm Ausschnitte der Wirklichkeit. Direkt und unmittelbar konfrontiert er uns mit dem Augenblick, ohne sich dabei der Montage oder der digitalen Bearbeitung dieser Fotos zu bedienen und führt somit sein künstlerisches Schaffen auf ein Element zurück: auf das Aufleuchten der Wirklichkeit im Augenblick des Sehens als Wahrnehmung der Möglichkeiten unserer Existenz.

Die Fotografie stellt das Denken eben anders dar, insbesondere den Diskurs über das Reale, auf eine Probe, und dies umso mehr, als das Nachdenken über die Wirklichkeit verstärkt mit Hilfe von Bildern geschieht. Das mentale Bild oder das Imaginäre und die Fotografie haben eines gemeinsam: die unmittelbare visuelle Wahrnehmung von Informationen. Im zeitgenössischen Denken besitzt dies eine herausragende Bedeutung, vor allem in der Psychologie und der Semiotik. Die Fotografie mit der ihr eigenen „Transparenz“ hat sich – gegen ihren Willen –zur Schnittstelle des Dilemmas von Bild und Gedanken entwickelt, da sie den Blick, die sie entziffert, auf das betrachtende Subjekt und das in ihr dargestellte Objekt gleichermaßen zurückwirft als Formen des Schauens, oder sollte ich besser sagen als bildnerische Formen des Schaus, meine Damen und Herren?

Bei all‘ dem Gesagten und Gesehenen stecken in diesen Arbeiten sicherlich auch Partikel der „Traumzeit“, der Alcheringa, wie sie in der Sprache der Aranda, in Zentralaustralien lebend, genannt wird. Vielleicht begegnen Sie während ihres Rundganges durch die Ausstellung gar der Regenbogenschlange, denn sie „ist die Verschmelzung von zwei wichtigen Prinzipien, die die Einheit von Geist und Materie darstellen.“

Und nun müssen ja vielleicht Sie, meine Damen und Herren, wieder und wieder einen neuen Anlauf nehmen, das Tor zu einer neuen Bilderwelt aufzustoßen, vielleicht konnte ich ihnen das Tor schon einen Spalt öffnen und rufe Herrn Schaus-Sahm gerne mit meinem herzlichen Glückwunsch zu: „Nur weiter so, da schau(s)en wir mal gespannt, was da noch für Früchte aus dem Sahm werden…

Dr. Susanne Höper-Kuhn, Kunsthistorikerin, Düsseldorf

dr.s.hoeper-kuhn@t-online.de

WILFRIED SCHAUS-SAHM – 20 VON 60

wilfried schaus-sahm

20 von 60

malerei – grafik – fotografie – collage

11. bis 26. juli 2009

Eröffnung: 11. Juli, 16:00 Uhr Begrüßung: Dr. Claudia Schaefer, cubus kunsthalle, duisburg Einführung: Dr. Susanne Höper-Kuhn, Kunsthistorikerin, Düsseldorf

Wilfried Schaus-Sahm, der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Aachen und Freiburg studierte, hat seit 1997 als Begründer und künstlerischer Leiter des Musikfestivals „Traumzeit“ Duisburg als Sommer-Festivalstadt der Musik und Kunst international bekannt gemacht. 2008 legte er sein Amt nieder, konsequent und kompromisslos, weil ihm die politischen Einflüsse zu Lasten der Qualität des künstlerischen Konzepts zu bestimmend wurden.

„Traumzeit“ ist eine Facette des Lebens des suchenden und fragenden Menschen Schaus-Sahm. In Anbetracht des in der cubus kunsthalle bis zum 26. Juli präsentierten Querschnitts aus 20 Jahren seines bildnerischen Schaffens nähern wir uns ihm als Künstlerpersönlichkeit an mit einem Werk, das der Öffentlichkeit kaum bekannt sein dürfte. Eine Entdeckung in der reichen, von musealen Institutionen und traditionellen Künstlerverbänden geprägten Kunstlandschaft der Stadt Duisburg. Da ist jemand, der mit verve seinen eigenen künstlerischen Weg geht, unangetastet vom Schubladendenken kunsthistorischer Kategosierungen. Da ist jemand, der auch als Lyriker arbeitet und in regem Austausch mit weltbekannten Jazzmusikern steht, und da ist jemand, der in dem Duisburger Maler Prof. Manfred Vogel, der im letzten Jahr unerwartet verstarb, nicht nur einen künstlerischen Mentor gefunden hatte, sondern auch einen Freund.

Schaus-Sahm lebt Kunst. Er schöpft aus dem Wissen des philosophischen Seins und fügt dieses in seinen künstlerischen Kosmos als natürliche und spirituelle Ordnung ein. Er befragt die Bildlichkeit und Abbildlichkeit des Sehens und des Gesehenen in einer Art Feldforschungsstudie zur Wahrnehmungsphysiologie und -psychologie und das in einer Welt, die sich von Bildern aus den Medien überschwemmt sieht.

Der Künstler zeigt uns in seinen Gemälden, Collagen und Fotografien solche Teile der Wahrheit, die am nächsten die Wirkung des Ganzen hervorbringen. In der Tat eine Kunst, die uns wie durch Zauber mitten in eine Welt von Zeichen versetzt, eine Ansicht der Dinge, der Hoffnungen und Befürchtungen in dem rechteckigen Ausschnitt eines Bilderrahmens, die uns ad occuli wie in ein gegenwärtig Geschehendes hinein führt. Er ist jedoch kein Grübler, der über dem inneren Zusammenhang von Ereignissen brütete, welche letztlich die Geschichte bilden und trachtet auch nicht danach, diese zu einem Wissen verknüpfen zu wollen, sondern alles ist vielmehr da, in seiner künstlerischen Vergegenwärtigung von urwüchsiger malerischer Kraft.

Die titellosen Arbeiten, die in den frühen Jahren noch in lebensvoller Farbigkeit figurativ daherkamen, werden zunehmend von collagierten, spielerisch experimentellen Abstraktionen abgelöst. Der Künstler scheut nicht die Konsequenzen seines Vorgehens. Seine Gemälde sind vielschichtig: Linienverknüpfungen, Schraffuren, Ablösungen. Das malerische Element überwiegt und fügt sich zu bewegten abstrakten Seelen-Landschaften zusammen, in denen der Betrachter Zeichen, Fragmente von eincollagierten Alltagsmaterialien, offene und geschlossene Formen und Flächen erkennt. Es gibt Linien in diesen „Landschaften“, welche in solchen Beziehungen zueinander stehen, dass sie entweder in ein Gemälde gebracht oder aber bewusst ausgelassen werden. Es leuchtet ein, wie gefährlich diese Methode für einen Künstler sein kann, denn eine solche Auslassung könnte auch subjektive Beliebigkeit bedeuten, lebendigste Individualisierung, die nicht nach dem Dialog sucht, sondern nach hermetischer Introversion. Doch das ist nicht das Interesse von Wilfried Schaus-Sahm. Vielmehr steht sein künstlerisches Finden in seiner Formensprache aus bewusster Reduktion für diesen Dialog als der natürlichsten Art und Weise, seine Bildinhalte dem Betrachter mitzuteilen.

Konsequent geht er den Weg von einer von Farbinseln in Chiffren informeller Struktur- und Texturgebung gebundenen Malerei hin zu einer Ausdrucksform, die zwar an die Zeichenhaftigkeit des Vorherigen anknüpft, durch Auslassungen nun aber umso stärker, konfrontierender aufscheint. Beim Schwarz-weiß-Bild konzentriert sich das Sehen auf das Zeichen, die Linie, die Form, ohne ablenkende Umwege, und setzt es dem Ansturm unserer farbigen Bildwelt entgegen.

Neben die Zeichnung, die Malerei setzt er die Fotografie, augenscheinlichen Bildern aus der Wirklichkeit, die bei ihm gedankliche Assoziationsketten freisetzen als Grunderfahrung des Be-greifens. Er stellt die Frage nach der geistigen Genese, deren Anfang eine allgemeine Orientierung ist, aus der sich universale Begriffe und Zeichen ergeben, die als solche, unabhängig von der Sozialisation des Betrachters, „lesbar“ werden können in einer archetypischen Bilderschrift. Eine Bild-Schrift, die in einer Schwebelage zwischen Abstraktion, nichtnaturalistischer Gegenständlichkeit, teils auch phantastischer ,teils ornamental gebundener Figürlichkeit als ein Spiel mit den Facetten unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit aufscheint.

Dieses Spiel mit Fragmenten der Wirklichkeitswahrnehmung setzt Schaus-Sahms fort, indem er kleinformatige Zeichnungen, die ad hoc und spontan entstehen, Ausschnitte eigener Gemälde, u. ä. in Tableaus anordnet, die aus CD-Hüllen bestehen – wie bei einem Drucker, der die Lettern in seinem Setzkasten anordnet, fügt sich nun wiederum das Einzelne zum Ganzen in einer geordneten Struktur, zu einer „Weltanschauung“.

Ausgehend von der Suche des Künstlers nach einer Verschriftlichung von Wirklichkeit mit den Mitteln der bildenden Kunst erscheint in seinem Gesamtwerk die Fotografie als notwendiges Pendant zur Malerei. Oder, um mit Walter Benjamin zu sprechen: „Nicht der Schrift-, sondern der Fotografie-Unkundige wird der Analphabet der Zukunft sein“. (aus: Kleine Geschichte der Photographie). In einem selektiven Wahrnehmungsverfahren fotografiert Schaus-Sahm Ausschnitte der Wirklichkeit. Direkt und unmittelbar konfrontiert er uns mit dem Augenblick, ohne sich dabei der Montage oder der digitalen Bearbeitung dieser Fotos zu bedienen und führt somit sein künstlerisches Schaffen auf ein Element zurück: auf das Aufleuchten der Wirklichkeit im Augenblick des Sehens als Wahrnehmung der Möglichkeiten unserer Existenz.

Dr. Susanne Höper-Kuhn

Kunsthistorikerin

 

Kunst Kalender

 

Schaus-Sahm

   

11.7. – 26.7.2009

 

miet7


 

Neben Wechselausstellungen zeitgenössischer Kunst bietet die cubus kunsthalle, duisburg ihren Veranstaltungsraum zur Anmietung für kulturelle Veranstaltungen, Empfänge oder Privatfeiern an.

 

 

 

 

Werden auch Sie Sponsor oder Förderer der cubus kunsthalle, duisburg und helfen Sie das Programm der freien Ausstellungshalle weiterhin spannend und hochwertig zu erhalten.

 

 

logo

cubus kunsthalle, duisburg Friedrich-Wilhelm-Str. 64 47051 Duisburg (Kantpark) 0203-26236 mi-so 14°° – 18°° Uhr

www.cubus-kunsthalle.de

 

 

 

Yildirim Denizli

DIE VÖGEL

Rauminstallation

26.4. bis 31.5.2009

Mit den Menschen ist es wie mit den Vögeln. Ein Jeder fliegt mit seiner Art.

 Die Methapher des Vogels hat eine lange Geschichte in der orientalischen und türkischen Kultur. Beschreibt das obige Zitat einerseits generell die Tendenz des Menschen, sich mit Gleichgesinnten, Seelenverwandten, zu umgeben, so birgt es andererseits auch die Gefahr der Abschottung Andersdenkenden gegenüber. „Hast du je einen Adler zusammen mit einer Krähe fliegen sehen?“, lässt Ömer Seyfettin den Protagonisten seiner zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschriebenen Erzählung Primo fragen. „Nein, hast du nicht, denn jeder Vogel bleibt bei seinesgleichen.“

Nun steht Ömer Seyfettin für eine türkische Nationalliteratur, und für die Vorstellung, dass Türken idealer Weise mit Türken zusammenleben. Daher endet seine Geschichte auch damit, dass das griechische Hauspersonal durch türkisches ersetzt wurde. Dieser Interpretation sehen wir uns letztendlich auch hier gegenübergestellt, wenn wir an die Integration vieler hier lebender Türken denken. Fliegt nicht auch hier ein Jeder – trotz vieler Integrationsbemühungen – mit seiner Art?

Lange vor Ömer Seyfettin jedoch, nämlich bereits im 13. Jahrhundert, lebte ein Poet und Mystiker in Anatolien, der den Namen Dschalal ad-Din Rumi trug. „Was kann ich tun?, Muslime. Ich weiß nicht, was ich bin!“, sagte er. „Ich bin weder ein Christ, noch ein Jude oder Muslim, und an Zarathustra glaube ich auch nicht …“

Rumi interessierte sich -wie auch vor ihm Attar in seinem mystischen Epos „Die Konferenz der Vögel“- für die Vogel-Metapher. Er interpretierte das oben zitierte „geflügelte Wort“ nicht im eingrenzenden nationalen, sondern vielmehr in einem ganzheitlichen, kosmopolitischen Sinne. Mehr als den Vögeln, die immer in einem Schwarm flogen, fühlte er sich denen verbunden, die sich keiner Gruppe zugehörig fühlten. Er mochte Vögel mit Handicap.

In einer der vielen Geschichten in seinem langen Gedicht „Mathnawi“ sieht ein Weiser eine Krähe und einen Storch, die zusammen fliegen und nach Nahrung suchen. Überrascht betrachtet er sie genauer und erkennt, dass sie beide lahm sind, deshalb nicht mit ihren Schwärmen fliegen konnten und sich so gegenseitig halfen — Solidarität zweier Ausgestoßener? Wobei auch hier sich das ‚durch das Handicap Verwandte’ zueinander gesellt. Diese Verwandtschaft ist stärker als die Gruppenzugehörigkeit und Herkunft. Sie steht über der Nationalität und Ethnie, über jeglichem Schubladendenken.

 Yildirim Denizlis Rauminstallation Die Vögel, die anlässlich der 32. Duisburger Akzente zum Thema Bosporus – das Tor zum Orient in der cubus kunsthalle zu sehen ist, greift die Vogel Metapher bewusst auf und erweist nicht zuletzt dem Mystiker Rumi damit in bezeichnender Weise Referenz.

Wie Rumi, der mittels der Musik und dem Tanz als Begründer des Ordens der tanzenden Derwische das Heil der Menschen in der Einheit mit Gott suchte, sieht Denizli seine Kunst als „Heilmittel für das Leben“ an. Das Geschichtenerzählen und das Lernen aus Parabeln hat insbesondere im Orient eine lange Tradition und wurde in Sufi-Orden gerne als Mittel zum Erwerb von Erkenntnis gesehen. Denizli setzt diese Tradition mit seiner Kunst fort. Denizlis Figuren erzählen Geschichten. Geschichten wie die eines Mulla Nasrudin. So verkörpern seine Vögel den Menschen und seine Eigenschaften auf ironische und humorige Art und Weise. Es ist, als ob dem Betrachter ein Spiegel vorgehalten wird, ohne ihn dabei zu kritisieren. In der Übertreibung und Überspitzung jedoch mag der Betrachter sein eigenes Verhalten und seine Werte überdenken. Dr. Stephan von Wiese schreibt über Denizli: „Er sieht die Menschen, die Nachbarn, die Fremden.  Die Verweilenden und die Vorüberhastenden. Die Modisch-Schicken wie die Linkisch-Ungeschickten. Männer und Frauen, Jung und Alt. Alle diese Alltagsmenschen werden im Werk typisiert, verändert, zugespitzt. eingefärbt, in die Länge gezogen, in Pose gesetzt, animiert. Ganze Geschichten scheinen sich abzuspielen. Gerade im Detail blüht die Einfallskraft mit unerschöpflichen Ideen. Denizli thematisiert das Fremde, das Märchenhafte, das Andersartige auf eine nicht schockierende, sondern auf einfühlsame Weise. Darin besteht auch sein besonderer Beitrag zum Verständnis der Menschen über alle nationalen und regionalen Grenzen hinweg. Als Betrachter stehen wir vor einer faszinierenden magisch beseelten Welt und freunden uns schnell damit an. Denizlis Volk – friedlich, freundlich, voller Witz und Einfälle. Hier wird jede räumliche und nationale Enge überwunden. Wir alle sind gemeint. Jeder könnte zum Weltbürger dieses märchenhaften Völkchens werden, denn Kunst sprengt die Barrieren.“
(Auszug aus: Dr. Stephan von Wiese, Kunstmuseum Düsseldorf, zur Ausstellung von Yildirim Denizli in der Orangerie im Grugapark Essen)

 

Yildirim_Denizli_Kunstwerke

Denizlis Geschichten, seine Skulpturen sind – wie er selbst – sowohl im Orient wie im Okzident beheimatet, sie stehen über jeglicher Nationalität, orientieren sich an dem, was das Menschsein ausmacht. Auf dieser Ebene, dem größten gemeinsamen Nenner, sind wir alle Teil eines Ganzen, sind wir alle von der gleichen Art und dazu befähigt, gemeinsam zu fliegen. In dieser Anschauung von Einheit liegt letztendlich die Heilung einer Gesellschaft, in der noch viel zu viele Vögel ausschließlich mit ihrer Art fliegen.

Dr. Claudia Schaefer


Yldrim_Denizli_Portrait

Yildirim Denizli wurde 1946 in Erzurum in Ostanatolien geboren und lebt seit 1973 in Deutschland. Sein Kunstschaffen ist wie er selbst sowohl im Orient als auch im Okzident zu Hause. Denizlis heutiger Lebens- und Arbeitsbereich ist sein Atelier in Ratingen bei Düsseldorf